Die Donau, der Fluss Europas, und die „Porta Hungarica“

Geschichte
2. Februar 2023

Die meisten von uns sind – ob berechtigterweise oder nicht – auf irgendetwas stolz. Die alpinen Länder wie Österreich etwa auf ihre Berge. Das sind die Slowaken und Polen übrigens auch – und zwar auf ihre Hohe Tatra, die sie sich teilen. Eine ebenso entscheidende psychologische Rolle können Flüsse wie die Donau spielen, aber in ihrem Fall müssen sich „den Stolz“ viele Völker und Länder untereinander aufteilen. Denn mit einer mittleren Wasserführung von 6.700 m3/s und einer Gesamtlänge von 2.857 Kilometern ist die Donau nach der Wolga der zweitgrößte und zweitlängste Fluss Europas. Er fließt durch …, nun, wieviele Länder eigentlich? Diese kleine geographische Aufgabe überlasse ich den Leserinnen und Lesern. Soviel verrate ich aber, es ist eine beeindruckende Zahl. Sie ist nämlich höher als bei jedem anderen Fluss auf der Erde. Die Wolga, weit „in Asien“, doch geographisch noch in Europa (was jedoch bloß eine Konvention ist, keine naturgegebene Tatsache), stiehlt der Donau ein wenig die Show, denn nur sie ist noch länger. Ob sie aber wirklich noch europäisch ist?

Donauschwimmbad in Pressburg

Bestimmte topographisch-geographische Gegebenheiten – ob Berge, Seen oder Flüsse – spielen somit für Psychologie und Selbstbild von Menschen, Völkern und Staaten eine Schlüsselrolle. Nichts macht es deutlicher als die Donau. Die trennt und verbindet. Vor allem aber verbindet sie. Auch den Bewohnern von Preßburg schenkt sie ihre Donauraum-Identität. Die Donau, auf Ungarisch Duna und auf Slowakisch Dunaj, entwässert große Teile des südlichen Mittel- und von Südosteuropa. Auch sämtliches Wasser der Salzach aus dem Bundesland Salzburg (wo der Autor dieser Zeilen lebt) fließt irgendwann an Pressburg vorbei. Der Strom verbindet als Wasserweg heterogene Kultur- und Wirtschaftsräume. Und so wäre es gar nicht so leicht über die Donau zu schreiben. Ein hoffnungsloses Unterfangen, gäbe es da nicht zwei wunderbare Bücher, die man als Donau­freund und Mitteleuropäer gelesen haben muss: Donau von Claudio Magris (zum wiederholten Male 2010 als Taschenbuch verlegt) und Die Donau von Michael W. Weithmann (2000).

Wenn es nach dem genialen Baumeister und Bildhauer Gian Lorenzo Bernini geht, ist die Donau „der Fluss Europas“ schlechthin. Liebhaber anderer bedeutender Flüsse, etwa des Rheins, der Rhône (übrigens „nur“ 812 Kilometer lang) oder der Seine, mögen mir verzeihen. Bernini erbaute in den Jahren 1647–1651 unter Papst Innozenz X. den berühmten Vierströmebrunnen auf der Piazza Navona in Rom. Den Nil als Symbol für Afrika, den Ganges für Asien, den Rio del la Plata als Gleichnis Amerikas, schreibt Weithmann in seinem fulminanten Buch.

Donauinsel Gänsehäufel, Wien

Für Bernini, seinen hohen Auftraggeber und alle Zeitgenossen stand es außer Frage, dass es einzig und allein die Donau war, die unseren Kontinent in all seiner Gänze und Gegensätzlichkeit versinnbildlichte.Die Donau ist die Achse zwischen West- und Südosteuropa, die im Westteil entspringt und ihre Wasser in den Ostteil schickt. Ein Fluss, dessen Ufer gleichermaßen West-, Mittel- und Osteuropa berühren und der in seiner Geschichte so widersprüchliche Aufgaben wie Grenze, Straße und Brücke wahrnahm.

Rund um das Gebiet der heutigen Stadt Bratislava erfüllte die Donau lange Zeit primär die Rolle einer Grenze, was nicht ausschließt, dass sie gleichzeitig ein wichtiger Transportweg sein konnte. Denn die Römer nutzten hier eine natürliche Grenzlinie, die sie zumindest annähernd überwachen konnten, eine Linie, an der ihr mächtiges Imperium in Richtung Osten und Nordosten zu Ende ging. Was heute Petržalka (Engerau, Liget) heißt, gehörte noch zum Imperium, die Seite der Altstadt mit dem Hügel, auf dem später die Burg erbaut wurde, zählte hingegen bereits zum Barbaricum, dem an das römische Imperium angrenzenden, nach römischer Vorstellung von „Barbaren“ bewohnten Gebiet jenseits des Limes in Mittel- und Südosteuropa.

Das Barbaricum als außerrömischer Raum wurde nicht ausschließlich von Germanen bewohnt, obwohl sie bis in die Spätantike den Großteil seiner Bevölkerung ausmachten. In der Völkerwanderung stießen Alanen und Hunnen in das Gebiet vor, sowie, seit dem 6. Jahrhundert, slawische Stämme.

Die Donau als Limes-Grenzfluss darf man sich nicht so vorstellen, dass zwischen den Römern und den anderen über den Fluss hinweg stets ein Kampf auf Leben und Tod wütete. Vielmehr haben die Römer in der anderen Flussseite eine Pufferzone gesehen. Vielfältige kulturelle, soziale und wirtschaftliche Kontakte zwischen dem Barbaricum und dem Imperium sind belegt. „Barbaren“ konnten durchaus Karriere im römischen Militär machen.

Dennoch ist es deutlich, dass der große Fluss eine massive Barriere, eine natürliche Grenze zu bilden scheint, die im Laufe der Jahrhunderte immer wieder neue Ausprägungen findet, in der Zeit des Eisernen Vorhangs und als Staatsgrenze bis heute.

Die Römer (und später die Germanen) haben auf dem Gebiet der heutigen Stadt Bratislava und seiner unmittelbaren Umgebung nicht so viele Spuren hinterlassen wie die Kelten. Das hängt wohl damit zusammen, dass es in diesem Gebiet zur Zeit der keltischen Boier zwei bedeutende Zentren gegeben hat: den Pressburger Burghügel und die darunter liegenden Siedlungen sowie den Thebener Kogel (Devín) oberhalb der March und nur wenige Meter vor der Vereinigung der beiden Flüsse.

Auf historischen Karten der römischen Provinz Pannonia sehen wir entlang der Donau wichtige Siedlungen aufgereiht. Im Westen könnten wir mit Comagena (Tulln) beginnen, weiters durch Vindobona (Wien) in Richtung Osten fahren, durch Ala Nova (Schwechat), Carnuntum, Gerulata (Rusovce, ung. Oroszvár, das bereits flussabwärts von Bratislava liegt) … Und hier fehlt uns etwas. An der Stelle des heutigen Bratislava ist nichts eingezeichnet, keine Colonia und auch kein Municipium.

In der Tat war eine Stadt knapp unterhalb des Zusammenflusses von Danubia (Donau) und Marus (March) in der Römerzeit noch nicht vorhanden, obwohl der Burghügel von den Kelten durchaus genutzt wurde. Insofern ist Salzburg als Stadt wohl um einiges älter. Die bei weitem bedeutendste Stadt am Limes war in dieser Region Carnuntum. Südlich davon liegt der bei heutigen Ornithologen beliebte Lacus Peiso (Neusiedlersee, nicht zu verwechseln mit Lacus Pelso, dem Plattensee). Gerulata, nur wenige Kilometer flussabwärts von Pressburg, war eine viel kleinere Siedlung als Carnuntum und Bestandteil der Festungskette am Donaulimes. Sein Reiterlager war vermutlich vom 1. bis ins 4. Jahrhundert n. Chr. durchgehend mit römischen Truppen besetzt. Neben Iža-Leányvár (Celamantia) am linken Donauufer ist Gerulata das bisher einzige bekannte Limeskastell auf dem Gebiet der heutigen Slowakei.

Die Donau spielt eine herausragende Rolle in unserer Geschichte. Der zweitgrößte Fluss Europas ist nicht nur in geographischem Sinn von Bedeutung, sondern vielmehr als verbindendes Element eines riesigen (Kultur-)Raumes, des Donauraumes. Er entwässert große Teile Mittel- und Südost­europas. Donauraum und Südosteuropa waren für den Rest des Kontinents immer schon von großer Bedeutung, doch änderten sich in den Wirren der Geschichte die dazugehörigen Begriffe: Während der Balkan in der Zeit des Nationalsozialismus beispielsweise für eine orientalische Vergangenheit, Desorganisation, politische Instabilität und ein „Völkergewirr“ stand, symbolisierte „Südosteuropa“ dagegen eine „fortschrittliche“ Ordnung unter deutscher Hegemonie, die einen Beitrag zur „Zivilisierung“ und „Europäisierung“ der Region leistete.

Weiter flussabwärts an der Donau und ihren Seitenarmen finden sich weitere mehr oder weniger bekannte Siedlungen: Ad Flexum (Moson­magyaróvár), Quadrata (Lébénymiklós), Arra­bona (Györ) und irgendwann Brigetio; insofern interessant, als hier heute die geteilte Stadt Komárno/Komárom liegt: Auf der linken Seite ist die slowakische Ortschaft (in der die meisten Menschen immer noch Ungarisch sprechen), auf der rechten die ungarische. Bis in die neueste Zeit gerät die geteilte Stadt von Zeit zu Zeit in die Schlagzeilen der Medien, wenn es um die zeitweise angespannte Beziehung zwischen Slowaken und Ungarn geht – oder zwischen ihren Regierungen und Politikern.

Das lateinische Wort limes stand anfänglich für befestigte, an den Feind führende Straßen. Im Laufe der Zeit war der Begriff jedoch einer Wandlung unterzogen. Allgemein war es eine von den römischen Truppen besetzte Grenz­linie. Die Donau bildete eine solche, die ihnen viel Arbeit ersparte. Sie machte einen durchgehenden Erdwall, Palisaden oder eine Mauer wie in Britannien, Germanien oder Rätien überflüssig. Der Limes Pannonicus schützte das Imperium immerhin auf 420 Kilometern Länge vom Kastell Klosterneuburg in Österreich bis zum Kastell Belgrad (Singidunum) im heutigen Serbien. Seit Augustus (31 v. Chr.–14 n. Chr.) sorgten römische Kastellbesatzungen für den Schutz der pannonischen Provinzen, die zu den wichtigsten, aber auch unruhigsten des Reiches gehörten. Die Völker­wanderung erhöhte den Druck auf diesen Limesabschnitt immer mehr.

Der Limes in Pannonien bestand neben dem Fluss selbst aus dieser Kette von Kastellen und Wachtürmen, die durch eine gut ausgebaute und vor allem zu jeder Jahreszeit befahrbare Straße miteinander verbunden waren. Die Schutzbauten reihten sich in einer gemäß der strategischen Notwendigkeit des jeweiligen Abschnitts unterschiedlichen Dichte aneinander. Bislang sind entlang des Limes Pannonicus etwa 50 Lager und etwa 100 andere Militäranlagen wie Wachtürme, Kleinkastelle und Ländeburgi bekannt geworden. Die Bundesstraße von Wien nach Bratislava entspricht über weite Strecken immer noch jener der Römer.

Die Porta Hungarica auf einer Karte des Comte Marsigli aus seinem berühmten Werk „Danubius“ aus dem Jahr 1726. Südlich der Donau sehen wir die Hainburger Berge (als Haimburg), nördlich davon den Zusammenfluss der Donau mit der March, auf der östlichen Flussseite „Távány“, was für Devín steht (Burgruine Theben). Noch weiter im Osten sieht man die Burg von „Posonium“ und die befestigte Altstadt – das waren lange Zeit zwei getrennte urbane Einheiten. Das wichtige Durchbruchstal der Donau hat mehrere Namen, wodurch seine Lage im Dreiländereck zwischen Österreich, der Slowakei und Ungarn und die wechselvolle Geschichte unterstrichen werden. Früher fast immer als Ungarische Pforte bzw. Porta Hungarica bezeichnet, was den (Tschecho-)Slowaken nicht besonders gefiel, kamen weitere Namen wie Devínska brána bzw. Thebener Pforte und immer häufiger auch Bratislavská brána (Bratislavaer Pforte) auf, deutsch auch Hainburger Pforte.

Die Porta Hungarica

Neben der Donau und der bei Theben einmündenden March spielen zwei Hügel eine wichtige Rolle in der Geschichte der Region. Mit etwas gutem Willen können wir sie Berge nennen. Sie sind nicht nur historisch interessant, sondern auch geologisch und ökologisch: Beide bilden einen spannenden Lebensraum, in dem Biologen und Naturliebhaber auf beiden Seiten der Grenze eine besondere Flora und Fauna vorfinden. Beide sind beliebte Exkursionsziele für Schüler, Studenten und Biologen: der Braunsberg bei Hainburg an der Donau und der 514 Meter hohe Thebener Kogel (Devínska Kobyla) am östlichen Ufer der March, kurz vor seiner Einmündung in die Donau.

Sie liegen in Sichtweite etwa zehn Kilometer voneinander entfernt und stellen ein Übergangshabitat zwischen dem alpin-mediterranen und dem Kontinentalklima dar. Uns interessiert besonders die Senke, die sich zwischen ihnen bzw. dem weiter südlich liegenden Hundsheimer Berg (480 m) öffnet. Vom nördlichen Alpenvorland und den Donauauen aus dem breiten Wiener Becken herkommend, verengt sich das Strombett vor Bratislava an dieser Stelle auf etwa 200 Meter und fließt schließlich in die Ebene ein.

Seit alten Zeiten bildete diese „Porta Hungarica“ einen wichtigen Verkehrsknotenpunkt im östlichen Mitteleuropa. Das kurze Durchbruchstal der Donau trennt die östlichsten Ausläufer der Ostalpen von den Kleinen Karpaten. Irgendwo in dieser Gegend kreuzte der Fluss die sogenannte Bernsteinstraße, eine der wichtigsten und ältesten Verbindungen in der Geschichte Europas, die den Mittelmeerraum mit Nord-(Ost-)Europa verband, und auch weitere Fernverbindungen.

Die Pforte mit den vielen Namen hatte seit jeher eine strategische Bedeutung. Bereits unter den Kelten hat es eine Wallburg am Braunsberg gegeben, und auch Theben und die Stelle der heutigen Burg in Bratislava waren für die Kelten wichtig. Die Römerzeit, den Limes Pannonicus und die Völkerwanderungen haben wir bereits erwähnt.

An der Stelle des heutigen Bratislava war immer schon ein neuralgischer Punkt, der von den verschiedenen Mächten bewacht werden musste. Im Mittelalter bildete die von der befestigten Stadt Hainburg zur Burg Devín ziehende Linie die Verteidigungsfront. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Gegend um die Pforte Teil des Eisernen Vorhanges, an dem unbewaffnete Flüchtige durch Kugeln heldenhafter Verteidiger des Sozialismus starben, die ihnen auf Befehl in den Rücken schossen.

Heute führt die friedliche Staatsgrenze zweier Mitgliedsstaaten der EU durch diese Gegend. Sie verläuft ab der Marchmündung in Richtung Norden in der Mitte des Flusses. Das einzig Positive an der einstigen Todeszone war die günstige Entwicklung der Natur in diesem Bereich, der nicht betreten werden durfte. Die Aulandschaften entlang der March bilden auf beiden Seiten des Flusses bedeutende Lebensräume, in denen Biber, Weißstörche, Graureiher, Amphibien, Reptilien und viele weitere Tier- und Pflanzenarten Zuflucht fanden.

Robert Hofrichter

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