Die reiche Geschichte der Schule in der Donaugasse

Die Donaugasse ist sicherlich für jeden Pressburger und jede Pressburgerin gut bekannt. Sie ist eine der wenigen Straßen in unserer Stadt, die vom Mittelalter bis heute im Grunde genommen den selben Namen trägt. Hier hat sich seitdem viel ereignet, viele berühmte Persönlichkeiten wohnten in dieser Straße, viele spazierten durch diese Gegend und vieles wurde über diese Straße beschrieben. Es wurde sogar ein eigenes Buch veröffentlicht (Július Satinský: Chlapci z Dunajskej ulice – Die Jungs von der Donaußtraße, 2022 ist es auch in ungarischer Übersetzung erschienen). Eine der Dominanten der Donaugasse ist seit über einem Jahrhundert das heutige Gebäude der Grundschule und des Gymnasiums mit der Unterrichtssprache Ungarisch. Über die Geschichte dieser Schule wollen wir jetzt sprechen. Lehnen Sie sich gemütlich zurück, es geht los!

Foto: Postkarte mit der Ansicht der Schule. Quelle: Sammlung von V. Farár (pammap.sk)

Um das Thema gut erfassen zu können, müssen wir weit ausholen. Wir versuchen die Umstände der Entstehung dieser Schule in einem Kontext zu erklären. So kommen wir zu einem sehr komplexen historischen Phänomen wie der Bildung von Frauen, mit dem auch ihre Emanzipation Hand in Hand geht. Im historischen Querschnitt bewegen wir uns von der häuslichen Erziehung von Aristokraten über allgemein zugängliche Grundschulen und später spezialisierte Schulen, die ausschließlich für Mädchen bestimmt waren, bis hin zum heutigen Stand. Erste institutionelle Versuche zur umfassenden Bildung begabter Schülerinnen gab es in Pressburg bereits in den achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts. Eine dynamische Entwicklung kam jedoch erst fast ein Jahrhundert später, in den siebziger bzw. achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Diese Zeit war geprägt von der Gründung spezialisierter Frauenbildungseinrichtungen.

Dies war ein wichtiger Schritt, damit sich interessierte Frauen später frei zum Studium an Universitäten anmelden konnten. Fragt man sich, warum die Bildung von Jungen und Mädchen ursprünglich strikt getrennt wurde (auch gesetzlich), so liegt die Antwort in den gesellschaftlichen Vorstellungen über die unterschiedlichen Rollen von Männern und Frauen im Erwachsenenalter. Die Ermöglichung der Hochschulbildung für Mädchen hatte in Ungarn aber auch eine ideologische Absicht. Es wurde erwartet, dass Studentinnen, aus denen später Mütter wurden, in den Familien Nationalstolz und Identität aufbauen, und genau das sollten ihnen ihre Pädagogen in den Schulen vermitteln.

Die logische Konsequenz der Gründung von Berufsschulen für Mädchen war aber auch die allmähliche Etablierung von Frauen in anderen als nur „traditionellen“ Berufen wie z.B. Lehrerinnen und Hebammen. In Pressburg kann diese Entwicklung durch die Gründung der Ungarischen Königlichen Staatlichen Höheren Mädchenschule mit Internat in der Donaugasse im Jahr 1883 dokumentiert werden. Die Gründung von höheren Mädchenschulen (Mädchenpensionaten) war in Ungarn ein Trend, der die bereits erwähnten Ziele verfolgte. Die erste höhere Mädchenschule überhaupt wurde 1875 in Budapest gegründet, danach folgten in relativ kurzer Zeit die größeren Kreisstädte, wobei Pressburg an der achten Stelle stand.

Foto: Originalplan der Hauptfassade (1909). Quelle: Stadtarchiv Bratislava

Der erste Direktor der Höheren Mädchenschule in Pressburg (1883-1905) war Jozef Ghyczy, ein leidenschaftlicher Pädagoge mit Erfahrung im schweizerischen Bildungssystem. In seinem Nekrolog (†1914) wurde vor allem sein herzliches Verhältnis zu den Kindern hervorgehoben. Treffend ist auch die folgende Charakteristik von Gyczys Persönlichkeit: „Tudott is a gyermekek nyelvén beszélni!“ (Er beherrschte die Sprache der Kinder, er konnte sich mit ihnen gut verständigen.)

Direktor Ghyczy war ein Verfechter der institutionellen Bildung, was heute als überflüssige Behauptung erscheinen mag, zu jener Zeit herrschte jedoch in aristokratischen und wohlhabenderen bürgerlichen Familien der Privatunterricht vor. In der ersten Ausgabe des Jahrbuchs der Höheren Mädchenschule in Pressburg von 1884 beginnt der Direktor sein einleitendes Essay mit der folgenden Frage: „Otthon vagy iskolában taníttassuk gyermekeinket?“ Ist es also besser Privatlehrer oder doch lieber die institutienelle Bildung in den Schulen zu bevorzugen? Obwohl Ghyczy die Vorteile eines Privatunterrichts anerkennt (individueller Umgang mit den Schülern, die Möglichkeit sich auf die Stärken des Schülers zu konzentrieren), trotzdem  legt er mehr Argumente für die institutionelle Bildung vor, die eine umfassende Entwicklung im Kollektiv bietet, unter der Einwirkung von erfahrenen Pädagogen, einem vorgeschriebenen Lehrplan und seiner ständigen Kontrolle.

Die Höhere Mädchenschule in Pressburg war eine Internatschule, was bedeutet, dass die Schülerinnen untereinander aber auch mit ihren Lehrern viel mehr Zeit verbrachten, als es heute üblich ist. Daraus folgt, dass auch die Persönlichkeit der Internatsleiterin, die gleichzeitig als Pädagogin an der Mädchenschule unterrichtete, von großer Bedeutung war. Die erste Leiterin des Internats (1883-1895) war die gebürtige Pressburgerin Elma Wollmann. Sie studierte an der berühmten Pariser Sorbonne, war Autorin eines französischen Lehrbuchs und unterrichtete verschiedene Fächer wie Konversation in Französisch und Deutsch. Ihr ganzes Leben lang war sie im Bildungsbereich tätig. Im Jahre 1895 trat sie die Stelle der Direktorin des Staatlichen Lehrerinneninstituts in Pressburg an, wo sich Volksschullehrerinnen ausbildeten. Elma Wollmann blieb ledig, was letztlich das Schicksal mehrerer Frauen war, die den gleichen Beruf und ähnliche Ambitionen hatten. Sie starb 1929, wurde auf dem Andreas-Friedhof (Ondrejský cintorín) neben der Familie ihrer Schwester beigesetzt. Das Grab schmückt bis heute eine Skulptur des bedeutenden slowakischen Bildhauers Alois Rigele.

Foto: Elma Wollmann im Jahre 1888. Quelle: Stadtmuseum Bratislava

Neben den oben genannten LehrerInnen unterrichteten an der Schule auch andere Pädagogen, vor allem Lehrerinnen sowie Fachfrauen aus dem Ausland, die nebenbei als Sprachlehrerinnen in Adelsfamilien tätig waren. Zu beachten ist, dass die jungen Pressburgerinnen und die Schülerinnen aus der näheren Umgebung zu dieser Zeit nur aus der verfügbaren Literatur und vermittelt von ihren Pädagogen und Pädagoginnen ihr Wissen erwerben konnten. Sie dienten für sie als Inspiration, sie sollten ihnen ein gutes Vorbild geben (und sicherlich galten sie ihnen in vielen Fällen als Vorbild).

Die Höhere Mädchenschule in Pressburg - wie auch in anderen ungarischen Städten – war eine gymnasiale Schule, in der der Schwerpunkt auf eine umfassende Erziehung und Bildung gelegt wurde. Die Mädchen, die hier eintraten, mussten mindestens zehn Jahre alt sein und vier Jahre Volkschule abgeschlossen haben. In einer Klasse durften maximal 35 Schülerinennen sein, das Studium dauerte insgesamt sechs Jahre. Den höchsten Stundensatz hatte – in Übereinstimmung mit der zeitgenössischen Praxis und den Ideen – der Unterricht der ungarischen Sprache und Literatur. Ab der zweiten Klasse war Französisch stark vertreten (3-4 Stunden pro Woche), eine weitere obligatorische „Fremdsprache“ war Deutsch, Englisch war ein Wahlfach. Ihren männlichen Altersgenossen ähnlich bildeten sich auch die Mädchen in Fächern wie z.B. Naturwissenschaften, Mathematik, Geschichte, und Geographie weiter. Auch Sport- und Musikunterricht sowie Kalligraphie (Schönschreiben) durften am Stundenplan nicht fehlen. Spezielle Fächer waren „Handarbeit“ (2 Stunden pro Woche) und Pädagogik, die sie erst in der letzten, sechsten Klasse erhielten. Einen zweistündigen wöchentlichen Unterricht gab es auch im Fach Religion und Ethik (Sittenlehre), in dem die Mädchen nach ihrem Glauben unterrichtet wurden. So gab es einen römisch-katholischen, einen evangelischen, aber auch einen jüdischen Lehrer.

Foto: Blick in das Internatszimmer. Quelle: Schulblatt 1911/1912

Foto: Kunstunterricht von Schülerinnen in der sechsten Jahrgangsstufe. Quelle: Schulblatt 1911/1912

Die erwähnte Dominante in der Donaugasse stand jedoch in den ersten Jahren des Schulbetriebs noch nicht, so litt die Einrichtung über viele Jahre unter unzureichenden und ungeeigneten Räumlichkeiten. Die Situation änderte sich im Jahre 1909, als am ursprünglichen Standort mit dem Bau eines neuen, zweckgebundenen Gebäudes begonnen wurde. Autor der Projektdokumentation war der Budapester Architekt Sigmund Herczeg, der sich auf diese Art von Bauten spezialisiert hatte. Das Werk wurde 1911 fertiggestellt, die Hauptfassade mit Elementen des eklektisch-sezessionistischen Dekors schmückt also schon seit 113 Jahren die Donaugasse. Wichtig ist jedoch, dass für die Schülerinnen endlich ein funktionaler Rahmen geschaffen wurde, der alles Notwendige beinhaltete und bis ins letzte Detail durchdacht war.

Foto: Außengelände der Schule. Quelle:  Schulblatt 1911/1912

Unmittelbar nach der Fertigstellung des Gebäudes, im Schuljahr 1911/1912, entstanden einzigartige Fotos von den Räumen, auf die die Schulleitung stolz war. Den Schülerinnen und ihren Lehrern standen spezielle Klassenzimmer und Kabinette, Übungs-, Ruhe- und Spielräume, Klavier- und andere Musikräume, eine Bibliothek, ein Hörsaal, eine Arztambulanz ... zur Verfügung. Im Internatsteil des Gebäudes befand sich eine Küche, verschiedene Abstellräume, eine Wäscherei, eine Bügelstube, ein Trockenraum, ein Gepäckraum sowie ein Abstellraum für Gartengeräte. Das Gebäude verfügte also über alles, was eine Schule zu dieser Zeit brauchte und was die Gesellschaft damals verlangte, einschließlich des Außengeländes, das der Erholung und dem Spielen dienen sollte.

Foto: Kantine des Internats. Quelle: Schulblatt 1911/1912

Foto: Turnunterricht der Schülerinnen im dritten Jahrgang. Quelle: Schulblatt 1911/1912

 

Statt eines Schlusswortes

Die höhere Mädchenschule wurde 1916 in ein achtjähriges Mädchengymnasium umgewandelt. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wurde die Schule ins Tschechoslowakische Mädchenrealgymnasium umbenannt, selbstverständlich mit einem anderen Lehrerkollegium und mit anderen Inhalten des Lehrplans. Eine reine Mädchenschule war die Institution bis 1950, als sich die Schultore auch für die ersten Jungen öffneten. Heute beheimatet hier das Gebäude die Grundschule und das Gymnasium mit der Unterrichtssprache Ungarisch.

Die Geschichte dieser Schule, vor allem die österreichisch-ungarische Zeit, ist mittlerweile längst in Vergessenheit geraten, obwohl das Potenzial immer noch besteht, die verborgenen Geschichten der hier aufgewachsenen Mädchen aufzudecken. Vor uns liegen viele Fragen. Was für Mädchen haben diese Schule besucht? Wie haben sie aus ihrer Ausbildung Nutzen gezogen? Waren sie fähig, ihre erworbenen Kenntnisse nicht nur in ihrem Privatleben, sondern auch in ihrem Berufsleben zu verwerten? Wie sind sie mit dem Anschluss Bratislavas an die Tschechoslowakei und der damit verbundenen Abwertung der erworbenen Bildung umgegangen?

Foto: Margit Albrecht, geb. Fischer (um 1916). Quelle: Stadtmuseum Bratislava

Durch die Historikerin Elena Kurincová kennen wir die Geschichte einer der Absolventinnen.

Margit Albrecht, geb. Fischer stammte aus einer etablierten pressburger Bürgerfamilie. Die Höhere Mädchenschule in Pressburg absolvierte sie im Jahre 1903. Danach studierte sie an dem Staatlichen Lehrerinneninstitut in Pressburg weiter, so erwarb sie eine weitere Ausbildung und Qualifikation. Am Ende des Ersten Weltkriegs erhielt sie eine Stelle als Gastlehrerin an der Schule, die sie einst selbst besuchte – der Höheren Mädchenschule, die inzwischen zum Mädchengymnasium umqualifiziert wurde.

Doch Margit Albrecht wurde 1919 als „von der ungarischen Regierung ernannte und bekräftigte, von der tschechoslowakischen Regierung jedoch nicht übernommene Lehrerin“ entlassen. Sie brach nicht zusammen, nach und nach absolvierte sie Umschulungen und kehrte schließlich – nach verschiedenen Peripetien – wieder zu ihrer ursprünglichen Profession zurück. Weitere Probleme traten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs auf. Doch schließlich erreichte Margit die Akzeptanz ihrer Ausbildung und ihrer pädagogischen Praxis, wenn auch nicht ganz.

Es ist die Geschichte nur einer Frau, die Bildung und Wissen nicht nur erwerben, sondern dieses Wissen auch weiter verbreiten wollte. Es gab später Hunderte von Mädchen, die diese höhere Mädchenschule oder das Mädchengymnasium besuchten. Hoffentlich werden sich ihre Geschichten im Laufe der Zeit herauskristallisieren und das Mosaik der umfassenden Geschichte dieser Schule ergänzen. Einer Schule, die auch heute noch ihrem ursprünglichen Zweck und Ziel dient. Vielleicht wird uns dabei auch der Inhalt dieses Artikels behilflich sein.

Štefan Hrivňák

Übersetzung: Melinda Rácz

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