Ein bedeutender Besuch in Pressburg

Vor 150 Jahren besuchte unsere Stadt der spätere Nobelpreisträger für Literatur Theodor Mommsen.

Vor einigen Jahren habe ich in der zeitgenössischen Presse nach etwas gesucht und bin dabei zufällig – wie es so zu sein pflegt – an eine völlig bezuglose Information gestoßen, die sich als dermaßen wichtig herausstellte, dass sie sofort meine ganze Aufmerksamkeit erregte. Die Pressburger Zeitung hat am 12. September 1874 folgenden kurzen Artikel veröffentlicht:

„Der berühmte Historiker Dr. Th. Mommsen, Professor an der Universität und Sekretär der Akademie der Wissenschaften in Berlin, besuchte gestern und heute unsere Stadt. Er befindet sich auf einer Forschungsreise, um neu entdeckte römische Inschriften in Ungarn zu finden, die er als Ergänzung in seinem großen epigraphischen Werk veröffentlichen möchte. Er besuchte das Städtische Museum und unter anderem suchte er nach römischen Inschriften, die vor Jahren in Preßburg noch auffindbar gewesen sind. Im Garten des Szuborits Hauses in der Donaugasse fand er noch eine Inschrift, die seinerzeit bereits vom Altertumsforscher Hrn. Rómer ausgewertet wurde. Heute Morgen setzte Professor Mommsen seine Reise fort und fuhr nach Esztergom/Gran weiter.“

Theodor Mommsen, 1817 – 1903. (Quelle:  Wikimedia Commons)

Nach dem ich dies gelesen hatte, war ich verblüfft, da mir Mommsens Besuch aus sekundären Quellen bis dahin durchaus nicht bekannt war. Pressburg wurde im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts von mehreren bedeutenden Persönlichkeiten der Wissenschaft besucht – zum Beispiel Alfred Brehm, Ármin Vambéry oder Thomas Alva Edison, aber Mommsen? Das war für mich eine Neuigkeit. Theodor Mommsen war ein Deutscher. Er wurde im Jahre 1817 in Garding geboren und in den Jahren 1838-43 studierte er an der Universität in Kiel, und etablierte sich anschließend als Romanist. Römisches Recht, insbesondere aber die Geschichte, wurden zum lebenslangen Gegenstand seiner Forschung, während er sich maßgeblich auch auf dem Gebiet der Epigraphik engagierte: seine sprachliche Gelehrsamkeit – er sprach fließend Latein und Griechisch – nutzte er, um Inschriften aus der Römerzeit zu identifizieren, zu denen er ganz Europa bereisen musste. Im akademischen Bereich hatte er im Laufe der Jahre verschiedene Positionen, bis er sich für längere Zeit in Berlin niederließ, wo er an der Universität lehrte und Mitglied der dortigen Akademie der Wissenschaften wurde. Gerade in ihrem Auftrag begann er mit der Zusammenstellung seines monumentalen und bahnbrechenden Werkes Corpus Inscriptionium Latinarum, das als erstes seiner Art erhaltene lateinische Inschriften aus der Zeit und dem Gebiet des ehemaligen Römischen Reiches katalogisierte. Das mehrbändige Werk, das zehntausende Inschriften beinhaltet, wurde im Laufe des 20. Jahrhunderts ergänzt und gilt bis heute als Referenzwerk auf dem Gebiet der Epigraphik. Mommsens größtes Werk, sein Opus magnum, ist seine mehrbändige Römische Geschichte, die sich hauptsächlich auf die Zeit der Römischen Republik konzentriert. Die Römische Geschichte wurde dermaßen populär – sowohl in fachwissenschaftlichen als auch öffentlichen Kreisen – dass er für dieses Werk im Jahre 1902 den Nobelpreis für Literatur erhielt. Die Auszeichnung wurde damals etwas umstritten, da es sich bei der Römischen Geschichte um ein wissenschaftliches Werk und nicht um Belletristik handelte; jedoch die Kommission verteidigte ihre Entscheidung, indem sie Mommsen als den größten lebenden Historiographen bezeichnete, seinen großen Beitrag zur Popularisierung der Geschichte hervorhob und den literarischen Wert des Werkes betonte. Von Ruhm und Erfolg gekrönt, starb Mommsen bald darauf in Charlottenburg (heute Stadtteil Berlins) im Jahre 1903. So ein Gelehrter besuchte also unsere Stadt im Jahre 1874, und deshalb wollte ich möglichst Vieles über seinen Aufenthalt erfahren. Als Grund des Besuches erwähnte die Zeitung eine Forschungsreise zu neu entdeckten römischen Inschriften in Ungarn, die er als Ergänzung seines großen epigraphischen Werkes veröffentlichen wollte. Ganz ohne Zweifel wurde mit dem großen epigraphischen Werk sein Corpus Inscriptionium Latinarum gemeint, deren einige Bänder zu der Zeit bereits veröffentlicht wurden. Eine detailliertere Begründung seiner Reise habe ich in der ausländischen zeitgenössischen Presse gefunden:

„Wie bekannt ist, hat die Berliner Akademie Mommsen damit beauftragt, das umfangreiche Werk Corpus inscriptionum latinarum herauszugeben, dessen einige Bänder bereits veröffentlicht worden sind und das sich auch mit den von Wissenschaftlern hoch geschätzten Römischen Altertümern im hiesigen Nationalmuseum (in Budapest, Anm. JV) auseinandersetzt. Mittlerweile hat auch der französische Wissenschaftler Ernest Desjardins im Auftrag der ungarischen Regierung ein herausragendes Werk über diese Sammlungen herausgegeben. Desjardins dachte, es wäre gut einen deutschen Wissenschaftler dafür zu kritisieren, dass er in seinem epigraphischen Werk die römischen Altertümer Ungarns nicht zur Gänze bearbeitete, und er erwähnte, dass Mommsen vergaß, wichtige Gedenksteine ins Werk zu integrieren, während er andere nicht richtig interpretierte. Im Werk „Corpus inscriptionum“ wird gesamt auf 160 Fehler hingewiesen. Mommsen, der polemischen Diskussionen meist auswich, musste sich diesmal eine Ausnahme aus seinen Gewohnheiten leisten, einerseits deswegen, weil es um ein Werk geht, das im Namen der Berliner Akademie herausgegeben wurde, andererseits deswegen, weil Desjardins´ Bemerkungen von einem äußerst provokativen Ton getragen wurden. Der kürzliche Besuch des deutschen Wissenschaftlers hier diente neben der Überarbeitung und Ergänzung seiner vorherigen Notizen auch der Sammlung von Material für eine Polemik gegen Desjardins.“

Das alte Rathaus am Hauptplatz. (Quelle: Sammlung von Juraj Horváth)

Als ich den Grund von Mommsens Anreise bereits klar kannte, wollte ich als Fremdenführer genau die Orte identifizieren, die er in Pressburg besuchte. Im kurzen Zeitungsbericht wurden zwei Orte erwähnt, wobei der erste ganz eindeutig war: das Städtische Museum, heute Museum der Stadt Bratislava, das seit seiner Gründung im Jahre 1868 seinen Hauptsitz im Gebäude des Alten Rathauses am Hauptplatz Nr. 1 hat. Eine etwas härtere Nuss schien das „Szuborits-Haus in der Donaugasse“ zu sein, in dessen Garten es eine römische Inschrift gab. Während meiner Forschung geriet ich für eine kurze Weile in eine Sackgasse, doch dann hat mich Frau Ing. Arch. Michaela Grossmannová, eine Alt-Pressburg-Begeisterte, auf die Sammlung Pressburg und Umgebung (Pozsony és környéke) aufmerksam gemacht, die im Jahre 1865 anlässlich einer wandernden Versammlung ungarischer Ärzte und Naturwissenschaftler in Pressburg (übrigens, hier war auch ein weiterer prominenter Wissenschaftler, der tschechische Arzt Jan Evangelista Purkyně als Gast anwesend) zusammengestellt wurde. Zur Sammlung, die der Geschichte Pressburgs gewidmet ist, trugen mehrere einheimische Gelehrte bei, darunter auch Floridus Rómer, der in der Studie „Archäologische Denkmäler Pressburgs“ feststellte:

„Und dennoch wurden in Pressburg bis dato keinerlei Römischen Denkmäler gefunden, mit Ausnahme der Steine im Garten des Szuborits-Hauses in der Donau Gasse Nr. 144 und im Garten des Hauses von Karl Feigler in der Gaisgasse Nr. 352, jedoch auch hier ist es nicht ganz sicher, ob es sich bei diesen um Originale handelt, denn wahrscheinlich wurden sie von der anderen Seite der Donau hierher gebracht.“

Da ich die ursprüngliche Hausnummer bereits kannte, konnte ich anschließend ohne viel weiteren Aufwand die aktuelle Adresse des Hauses herausfinden. Nach der Umnummerierung im Jahre 1879 erhielt das Haus die Nummer 26 und nach der letzten Änderung wurde ihm die Nummer 22 zugeteilt. Diese Feststellung hat mich angenehm überrascht, da dieses Haus als eines der wenigen den massiven Abriss- und Umbauarbeiten, die in dieser Straße seit dem 20. Jahrhundert bis heute stattfinden, erfolgreich widersteht. Und: seine spätklassizistische Fassade ließ vermuten, dass es sich tatsächlich an Mommsens Besuch erinnern könnte. Diese Vermutung wurde vom Direktor des Städtischen Instituts für Denkmalschutz, Dr. Ivo Štassel, bestätigt, den ich mit der Bitte um eine genauere Datierung des Hauses kontaktierte:

„…das betreffende Objekt wurde von uns weder architekturhistorisch erforscht noch besichtigt. Daher kann ich meine Meinung nur auf die architektonische Gestaltung der Fassade stützen. Das Objekt wurde offensichtlich vor kurzer Zeit renoviert, sodass einige Details der Fassade bereits leider verschwunden sind. Aufgrund der Fassadengestaltung und der erhaltenen Formen lässt es sich dennoch davon ausgehen, dass das Haus im Spätklassizismus, also in den fünfziger bis sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts erbaut wurde. Die Höhenverteilung der Stockwerke lässt vermuten, dass das Haus in dem genannten Zeitraum als Neubau und nicht als Umbau eines älteren Hauses errichtet wurde.“

Donaugasse, das Szuborits-Haus ist das zweite von rechts. (Quelle: Sammlung Juraj Horváth)

Der Kunsthistoriker Dr. Peter Buday, den ich mit diesem Thema ebenfalls kontaktierte, datierte das Haus ebenfalls in die 60. Jahre des 19. Jahrhunderts. Somit war die Aufgabe gelöst und man kann feststellen, dass Mommsen außer dem Alten Rathaus auch das Haus in der Donaugasse Nr. 22 besuchte, dessen Bedeutung hiermit erheblich gestiegen ist. Nun bleibt noch die Frage offen, ob Mommsen, der neben Pressburg auch Budapest, Gran (Esztergom), Zagreb und andere ungarische Städte besuchte, ausreichend Stoff für seine Apologetik im Streit mit Desjardins fand. Aufgrund erhaltener Beiträge in der Zeitgenössischen Presse können wir vermuten, dass seine Reise erfolgreich gewesen ist:

„Mommsen, der bei dieser Gelegenheit die lokalen Altertümer einer besonders genauen und gewissenhaften Beobachtung unterzog, kam zu dem Schluss, dass der Franzose bei seiner Kritik sehr nachlässig vorgegangen war. Die Lücke, die er nach seinen Behauptungen in den Inschriften gefunden hat, existiert in Wirklichkeit nicht, und wenn Desjardins eine weniger oberflächliche Untersuchung durchgeführt hätte, hätte er auch feststellen können, dass Mommsen zwar alle Inschriften einbezogen hatte, aber diese auch in seinem Werk ordnete – und zwar nicht nach ihrem Aufbewahrungsort, sondern nach ihrem Fundort. Desjardins hätte so die von ihm vergeblich gesuchte Liste der Gedenksteine unter der Überschrift Pest sicherlich gefunden, wenn er Mommsens Ordnungssystem aufmerksam beachtet hätte. Was das fehlerhafte Lesen betrifft, behauptet Mommsen – und die lokalen Archäologen stimmen ihm zu -, dass er nur das aufgezeichnet hat, was auf dem Stein tatsächlich geschrieben stand, während Desjardins die lesbaren Fragmente teilweise analog, doch teilweise auch durch Eingebungen seiner eigenen Fantasie ergänzte."

Im September jährte sich der Besuch Theodor Mommsens in Pressburg zum 150. Mal. Zwar war dieser Besuch bislang vernachlässigt, jedoch – wie sich herausstellte – von großer Bedeutung, da er unserer Stadt die Möglichkeit bot, eine der größten Persönlichkeiten der damaligen Wissenschaft und Literatur zu Gast zu haben.

Ján Vyhnánek

Hiermit möchte ich mich herzlich bedanken: Michaela Grossmannová für den Hinweis auf die Sammlung Pressburg und Umgebung (Pozsony és környéke), Magdaléna Vyhnánková für die Übersetzung des ungarischen Textes und Ivo Štassel und Peter Buday für die Unterstützung bei der Datierung des Hauses in der Donaugasse.

Übersetzung: Astrid Rajter

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