Professor Konrad Hochedlinger schrieb uns aus Boston. Er wurde in Wien geboren, zog aber später in die Vereinigten Staaten, wo er am Massachusetts Institute of Technology (MIT) studierte. Er wurde Professor für Biologie an der Harvard University. Konrads Vorfahre, Julius Schilling aus Wien, besaß um 1900 eine Villa in Pressburg.
Die Neorenaissance-Villa Schilling, einst als Trautes Heim bekannt, ist ein architektonisches Wahrzeichen von Bratislava und befindet sich in der Búdková Strasse 21, in der Nähe des Gebirgs-Parks. Seit 1949 dient die Villa als Kindergarten. Konrad Hochedlinger hat uns seltene Fotos aus dem Familienarchiv gesendet, von denen einige wirklich einzigartig sind.

Blick auf die Burg von Umgebung der Villa Schilling.
Der Ursprung der Villa
Die malerische Villa Trautes Heim wurde 1882 von dem ungarischen Adligen Graf Gyulai auf der linken Seite der heutigen Búdková Straße errichtet. Zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Artikels konnten wir keine genaueren Informationen über den Erbauer der Villa herausfinden. Die Villa wurde zu einer Zeit gebaut, als Pressburg eine umfangreiche architektonische Entwicklung erlebte. Die Stadt wurde zur Heimat wohlhabender Familien, die sich in reizvollen Gegenden, wie zum Beispiel im Gebirgs-Park Sommerresidenzen errichteten. Auch die nahe gelegenen Gasthäuser - die Batzenhäuser (Púčkov dom auf slowakisch, Bimbóház auf Ungarisch) - machten den Ort beliebt.

Villa Schilling, erbaut 1882.
Villa Schilling
Um 1897 kaufte der Wiener Kaufmann Julius Schilling die Villa Trautes Heim und benannte sie in Villa Schilling - Trautes Heim um. Die Familie Schilling besaß die Villa - oder besser gesagt das Schlösschen - zwischen 1897 und 1904. Die damalige Adresse des Gebäudes lautete Gebirgspark 365 (oder Bimbóház-Weg 365), dessen Name die Lage in einem Wald-Rastgebiet betonte.
Der Kaufmann Julius Schilling wurde in Schweinfurt in Bayern geboren und wuchs dort auf, zog aber in seiner Jugend nach Budapest, wo er ein eigenes kleines Unternehmen gründete und dann mit seiner Familie nach Wien zog, wo er mit dem Verkauf von Druckmaschinen an Zeitungsunternehmen recht erfolgreich wurde. Nach seiner Pensionierung zog er in die Schweiz, wo er 1926 starb.

Villa Schilling - Trautes Heim, auf einer alten Postkarte. Das kleine Objekt rechts ist der inzwischen abgerissene Glockenturm, mit dem die Dienerschaft zu Tisch gerufen wurde.
Architektonische Bedeutung
Die Umgebung des Hauses hat im Laufe der Jahre ihre Nutzung geändert. Das Gebiet um den Gebirgs-Park wandelte sich von Weinbergen und Jagdrevieren zu einer Wohngegend für wohlhabende Familien, was auch den Wert der Villa Schilling selbst erhöhte.
Die Autoren Berka und Bahna schrieben in ihrem Buch Villen über Bratislava (Marenčin PT, 2013) folgende Zeilen über die Villa:
"... es handelt sich um ein elegantes Neorenaissance-Gebäude mit einer erhöhten Fassade, die im Erdgeschoss den Eingang zum Gebäude verbirgt und im ersten Stock mit Hilfe eines Trios von Bogenarkaden eine wunderschöne überdachte Loggia schafft. Volutenförmige ionische Säulen im Erdgeschoss wechseln sich mit korinthischen Säulen im ersten Stock ab, und ein dreieckiger Giebel mit Tympanon erhebt sich spektakulär über einem Kordongesims, das mit einem Zahnschnitt verziert ist. An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert befand sich noch eine Dachbalustrade über diesem Gesims, die bei einem späteren Umbau entfernt wurde. Die Fenster in den seitlichen, zurückgesetzten Flügeln des Gebäudes wiederholen die Bogenform der Loggia-Bögen im ersten Stock und die Fenster im Erdgeschoss sind quadratisch und stehen im Gegensatz zu den bogenförmigen Faschen der zentralen Erdgeschossfenster und der Eingangstür."

„Kostüm-Fest“ in Pressburg, um 1900. Die jungen Schillings trugen die Tracht von Bad Deutsch Altenburg, während Julius Schilling (der alte Mann mit dem weißen Bart, Besitzer der Villa) und seine Frau in siebenbürgischer Tracht gekleidet waren.

Eine seltene Kombination von modernen Fahrrädern und Volkstrachten.


Das spätere Schicksal der Villa
Das Schicksal meinte es nicht gut mit dem schönen Gebäude. Die Villa verfügte über einen Glockenturm, mit dem man früher zum Mittagessen gerufen wurde. Den Autoren Berka und Bahna zufolge wurde er wahrscheinlich abgerissen, als in den 1930er und 1940er Jahren die Stützmauern aus Granit errichtet wurden.
In den späten 1940er Jahren änderte sich die Nutzung der Villa grundlegend. Der Frauenverein Živena richtete hier eine der ersten Kinderbetreuungseinrichtungen ein, später sogar eine Wochen- Kinderkrippe.
Das Erscheinungsbild der eleganten Villa wurde auch durch einen hässlichen Anbau aus der sozialistischen Zeit gestört.
Im Jahr 2012 wurde die Villa renoviert. Heute beherbergt sie einen Kindergarten, der vom Stadtbezirk Bratislava - Altstadt eingerichtet wurde.
Heutige Ansicht der Villa von Google Maps.
Der Nachfahre von Julius Schilling, Konrad Hochedlinger, besuchte die Villa, die seinem Urururgroßvater gehörte, in den späten 1990er Jahren.

Kindergartengebäude vor dem Umbau in den 1990er Jahren.
Konrad Hochedlinger hat uns auch einige andere alte Fotos aus seinem Familienarchiv gesendet:

Maria-Theresien-Denkmal in Pressburg.

Blick auf Pressburg von der Engerau-Seite der Donau.

Text: Peter Janoviček, basierend auf Unterlagen von Konrad Hochedlinger
Fotos: Archiv der Familie Schilling
Übersetzung: Renáta Janovičková



