Die außergewöhnliche Beziehung des Komponisten und Pianisten Franz Liszt zu Pressburg ist wohl jedem gut bekannt, der sich für die Geschichte der Stadt interessiert. Beginnend in seiner frühen Kindheit (1820), als ihm nach einem erfolgreichen Konzert die örtlichen Adeligen ein Musikstudium in Wien ermöglichten, dauerte sie über 60 Jahre lang bis ins höhere Alter, während er regelmäßig seine zahlreichen Freunde in Pressburg besuchte. Diese Beziehung ist Gegenstand umfangreicher Forschungen, es wurde bereits auch viel darüber geschrieben, und es wird sicherlich auch noch mehr darüber geben. Trotz dem so häufig behandelten Thema gibt es immer wieder Neues zu entdecken.

Franz Liszt (1811 - 1886). Quelle: Galéria mesta Bratislavy.
In der wissenschaftlichen Literatur herrscht zur Zeit Einigkeit darüber, dass Franz Liszt 16 bestätigte Besuche in Pressburg unternommen hat: in den Jahren 1820, 1822, 1839, 1840, in den 50. Jahren des 19. Jahrhunderts, sowie in den Jahren 1872, 1873 (2x), 1874, 1881, 1882, 1883, 1884 (3x) und 1885.
Vor einigen Jahren, als ich ältere Zeitungen durchwühlte, habe ich in der Pannonia Zeitung einen Artikel über den 17. Besuch Franz Liszts in Pressburg gefunden, den er vom 28. bis 29. April 1846 unternommen hat. Zuerst dachte ich, dass ich der erste sei, der diesen Besuch entdeckte und es war mir äußerst seltsam, da es hierfür nicht nötig war eine komplizierte Forschung durchzuführen, sondern einfach nur gründlich die zeitgenössische Presse lesen. Später erfuhr ich, dass vor mir diese Information bereits der Musikhistoriker Zoltán Hrabussay erwähnt hat, und zwar in seiner Studie „Franz Liszt und seine Beziehungen zu Bratislava“, die im Jahre 1931 in der Zeitschrift Slowakische Musik (Slovenská hudba) veröffentlicht wurde: „Nach einer Serie ausverkaufter Konzerte in Wien im Jahre 1846 fuhr Liszt mit dem Schiff nach Budapest. Selbstverständlich, er konnte einen Zwischenhalt in seinem geliebten Pressburg nicht auslassen. Er kommt am 28. April an, im Hafen wird er von einer Delegation des Kirchenmusikvereins erwartet, Er war bei Kasimir Eszterházy logiert und die Mitglieder des Vereins geben ihm abends vor dem Haus ein Ständchen, für die sich Liszt herzlich bedankt.“ Es bleibt rätselhaft, warum diese Erkenntnisse Hrabussays die spätere Forschung nicht reflektierte. Als ob Liszts Besuch in Pressburg im Jahre 1846 in Vergessenheit gefallen wäre. Nicht erwähnt wurde dieser Besuch sogar auch im Katalog Franz Liszt und Bratislava (2012), herausgegeben vom Museum der ungarischen Kultur des Slowakischen Nationalmuseums zum Anlass des 200. Geburtstags von Franz Liszt.

Bericht in der Zeitung „Pannonia“ vom 30. April 1846.
Tatsache ist jedoch, dass die Pressburger Zeitung Pannonia vom 30. April 1846 Schwarz auf Weiß schreibt: „Unser Landsmann Franz Liszt ist am Dienstag mit dem Dampfschiff aus Wien angekommen und am nächsten Tag fuhr er weiter nach Budapest. Liszt wurde von einer Delegation des Kirchenmusikvereines herzlich willkommen geheißen und auf Anregung des (Theater-, Anm. JV) Direktors Megerle und einiger Mitglieder des erwähnten Vereines spielten sie für ihn abends nach der Theatervorstellung ein wunderschönes Ständchen. Liszt nächtigte beim Grafen Kasimir Eszterházy, vor dessen Haus das Ständchen während des Abendessens aufgeführt wurde. Kaum wurde die erste Ouvertüre zu Ende gespielt, kam der große Virtuose runter und bedankte sich persönlich, worauf er mit „éljen!“ (Hoch soll er leben! – Anm. der Red.) begrüßt wurde.“ Die Zeitung Pannonia erwähnt weiters eine humorvolle Geschichte, die sich kurz danach begab: „Liszt erhielt auch ein weiteres Ständchen, das auf seine Art und Weise genauso originell gewesen ist, und freute ihn gewiss nicht minder.“ Dieses wurde von der Zigeunerkapelle präsentiert, die dieser Tage durch die Gassen Pressburgs zog: „Den Zigeunern und Trompetern ging schon der Atem aus, doch sie spielten das „Fóti dal“ (das Foter Lied, komponiert von Károly Thern auf Texte von Mihály Vörösmarty, Anm. JV). Sie blieben vor dem Haus von Graf Kasimir Eszterházy stehen und zu unserem großen Erstaunen überbrachte einer der Zigeuner-Adeligen, neben vielen anderen, einen wörtlichen Gruß: „a' zongora mester Liszt Ferencz, hazánkfia (An den Klaviermeister Franz Liszt, Sohn unserer Heimat – Anm. der Red.) éljen, éljen, éljen! (Hoch soll er Leben! – Anm. der Red.) Liszt wurde daher auf diese Weise zum Meister des Klaviers genannt, und das zu Recht, denn er ist ein Meister des Klaviers. Der einfache Adelige sprach kurz, aber wahrheitsgemäß.“
Ich fand es interessant, dass Liszt beim Grafen Kasimir Eszterházy logierte (Geb. am 15. November 1805 in Pressburg, gest. am 13. Mai 1870 in Aigen, heute Stadtteil von Salzburg). Dies war recht ungewohnt, da Liszt während seiner Besuche in Pressburg beinahe ausschließlich im Hotel Zum Grünen Baum (heute Hotel Carlton) [Es kann auch nicht ausgeschlossen werden, dass Liszt bei Kasimir Esterházy lediglich zum Abendessen war und anschließend im Hotel Zum Grünen Baum übernachtete, was angesichts der Art des Berichts jedoch unwahrscheinlich ist.]. übernachtete. Ihre Beziehung wurde auch von der Verbindung zum Kirchenmusikverein beeinflusst. Kasimir Esterházy war seit der Gründung des Vereins im Jahre 1833 sein Protektor und Franz Liszt war seit März 1839 sein ehrenamtliches Mitglied (und eben aus diesem Grund wurde er im Jahre 1846 von der Delegation dieses Vereins erwartet und begrüßt). Beim Grafen Kasimir Esterházy musste sich Liszt besonders wohl fühlen, da er bereits bei seinem vorherigen Besuch im Jänner 1840 bei ihm übernachtete, als er ungefähr zwei Wochen in Pressburg verweilte. Im Rahmen seines Aufenthaltes konzertierte Liszt öffentlich am 21. Jänner um sieben Uhr abends im Komitätshaus und am 26. Jänner zu Mittag zugunsten des Kirchenmusikvereines im Städtischen Theater (mit dem Erlös von 727 Gulden) und privat am 22. Jänner abends direkt im Haus des Grafen Kasimir Esterházy, wo er auch übernachtete. Laut einem Bericht in der Wiener Allgemeinen Theaterzeitung versammelte sich bei diesem Konzert ein zahlreiches adeliges Publikum geführt von der Erzherzogin Hermine von Habsburg-Lothringen, und die anwesenden Damen überreichten Liszt einen goldenen Pokal als „dauerhaftes Zeichen ihrer Bewunderung und ihres Respekts“, der heute in der historischen Exposition des Ungarischen Nationalmuseums in Budapest aufbewahrt ist. Es ist auch heute noch möglich, die eingravierte Widmung zu lesen: „a hon hires müvésszének a hazának ezen hölgyei“ (dem berühmten Künstler unserer Heimat von den Damen der Heimat), sowie auch die Nachnamen der adeligen Stifterinnen, unter anderem der Gräfin Andrássy, Batthyány, Szapáry und Zichy. Unter den Spenderinnen fehlt der Nachname der Gräfin Esterházy, da die erste Gemahlin des Grafen Kasimir Esterházy – Leopoldine – am 12. März 1838 verstarb und die zweite Gemahlin Maria Henrike heiratete er am 19. Juli 1842, also war er zur Zeit des Besuches von Franz Liszt im Jahre 1840 Witwer. Die freundschaftlichen Beziehungen von Liszt und Esterházy erreichten ihren Höhepunkt im Jahre 1846 mit Liszts weiterem Besuch in Pressburg, und vor allem im Jahre 1847, als er ihm seine frisch komponierte Ungarische Rhapsodie Nr. 4 widmete. Nach der Ungarischen Revolution (1848-49) musste Kasimir Esterházy fliehen und in seine Heimatstadt Pressburg kam er nicht mehr zurück.

Goldener Pokal – Geschenk für Liszt. Quelle: Ungarisches Nationalmuseum, Budapest.
Als Fremdenführer wollte ich selbstverständlich gerne herausfinden, in welchem Haus Kasimir Esterházy wohnte und Franz Liszt zu Gast hatte. Problematisch dabei war, dass verschiedene Zweige der Familie Esterházy mehrere Objekte in der Stadt bewohnten und da Kasimir nach dem Jahr 1849 ausgezogen ist, war es selbst anhand der Volkszählung aus dem Jahre 1856, die im Pressburger Stadtarchiv aufbewahrt wird, nicht möglich, seinen Wohnort zu ermitteln. Viel optimistischer hat mich auch das Fazit vom Pressburger Historiker Štefan Holčík nicht gestimmt, der im erwähnten Katalog Franz Liszt und Bratislava Folgendes feststellte: „Es ist nahezu unmöglich nachzuvollziehen, wo Graf Kasimir Esterházy im Jänner 1840 wohnte“. Die Benachrichtigung über das Ableben von Kasimirs Ehegattin Leopoldine habe ich zwar sowohl im Sterberegister als auch in der Pressburger Zeitung gefunden, jedoch ohne Angabe der Adresse des Todesfalls. Die Adresse war auch in den Heiratsurkunden Kasimirs mit Leopoldine (28. August 1833) und mit Maria Henrike (19. Juli 1842) nicht erwähnt.

Bericht in der Pressburger Zeitung über den Tod von Barbara Esterházy.
Aus der Sackgasse führten mich die Berichte in der Pressburger Zeitung über den Tod von Barbara Esterházy (6. Februar 1842) und Josephine Esterházy (5. Dezember 1843), der Großmutter bzw. Mutter von Kasimir Esterházy. Beide Gräfinnen wohnten im Haus Nr. 651, das an der Ecke des heutigen Platzes des Slowakischen Nationalaufstands (Námestie SNP) und der Štúrova Straße (heute Štúrova 1).

Das ursprüngliche Haus von Graf Kasimir Esteházy auf dem Grünen Platz Nr. 651. Quelle: BArožky, Sammlung: J. Horváth.

Die Fassade des Esterházy-Hauses mit Blick auf die heutige Štúrova-Straße. Sammlung: J. Cmorej.
Es handelte sich um ein klassizistisches Palastgebäude, das Ende des 18. Jahrhunderts nach dem Abriss der Stadtmauern und der Anbindung der Stadt an die Vororte errichtet wurde. Es war sehr groß: seine Seitenfassade ragte beträchtlich in die heutige Štúrova Straße hinein, während seine sechsachsige Hauptfassade zum heutigen SNP-Platz hin ausgerichtet war. Über die Größe der Räumlichkeiten kann man sich aufgrund der Anzeige aus dem Jahre 1852 ein Bild machen, als der spätere Besitzer eine Wohnung zur Miete „im ehemaligen Haus des Grafen Kasimir Esterházy am Grünen Marktplatz“ anbot, die aus 10 Zimmern mit Zubehör bestand. Man kann legitim annehmen, dass das Haus von Anfang an als Wohnsitz der Familie Esterházy diente. Nach deren Auszug wurde es im Dezember 1850 versteigert und vom Kaufmann Ladislaus Weisz erworben, der Anfang November 1852 sein Eisenwarengeschäft „T. E. Mader“ errichtete. Hierbei handelte es sich um ein traditionelles Geschäft, das (zusammen mit Pallehner und Neurath) zu den bedeutendsten Eisenwarenläden gehörte. Es wurde im Jahre 1702 von Georg Mader (*?, †1737) gegründet und befand sich zuerst in der Panská (Herrengasse) Straße. Nach seinem Tod wurde das Geschäft etappenweise von mehreren Mitgliedern der Familie Mader geführt, der Bedeutendste unter ihnen war Georg Maders Sohn Johann Georg (*1716, †1760; das Geschäft führte er ab 1744), der die Familienchronik gründete, sowie sein Enkel Thomas Ehrenreich (*1747, †1822; das Geschäft führte er ab 1785), der sein Geschäft erheblich ausbaute und den Laden an den heutigen Franziskanerplatz Nr. 7 verlegte. Die Initialen seines Namens kamen später auch in den offiziellen Namen der Eisenwarenhandlung (T. E. Mader), der dem Geschäft bis zu seiner Auflösung erhalten blieb. Thomas Ehrenreich hatte keinen Sohn, nur vier Töchter, deshalb wurde das Geschäft nach seinem Tod von seinem Schwiegersohn Ladislaus Weisz (*1798, †1854) übernommen. Ladislaus´ Vater, der selbst ein Eisenwarengeschäft in Tyrnau besaß, schickte seinen Sohn nach Pressburg zu Mader in die Lehre. Ladislaus heiratete im Jahre 1821 Maders Tochter Rosina Carolina, ließ sich in der Stadt nieder, übernahm das Geschäft nach dem verstorbenen Schwiegervater und engagierte sich auf bedeutende Weise auch gesellschaftlich – er war Mitglied des Stadtrats und Mitbegründer der Ersten Preßburger Sparkasse. Den Eisenwarenladen übersiedeltet er vom Franziskanerplatz zum Haus Nr. 650 (der heutige SNP-Platz Nr. 18) und schließlich gelang es ihm, auch das Nachbarhaus von Kasimir Esterházy zu erwerben, wo sich seit dem Jahre 1852 mehr als 80 Jahre lang der Eisenwarenladen befand.

Eisenwarenhandlung Mader im ehemaligen Esterházy-Haus. Sammlung: J. Cmorej.
Ladislaus übertrug das Geschäft ursprünglich seinem älteren Sohn Carl (*1822, †1870), doch da dieser sich oft auf Reisen befand und kein Interesse daran zeigte, übernahm das Geschäft schließlich Ladislaus’ jüngerer Sohn Theodor (*1824, †1883), der seinen Bruder auszahlte. Unter seiner Führung erreichte das Familiengeschäft seinen Höhepunkt – im Jahre 1858 kaufte er von Familie Pálffy die Kupferhämmer in Borinka (Ballenstein) und ließ außerdem eine Eisengießerei in der Mýtna (Maut-) Straße. Nach seinem Tod wurde das Geschäft von seinem älteren Sohn Ladislaus (*1859, †1900) übernommen und nach seinem Tod vom jüngeren Sohn bzw. Ladislaus´ Bruder Theodor (*1866, †1938). Dieser leitete den Eisenwarenladen zusammen mit seinen vier Söhnen, von denen besonders bedeutend Ludwig (Ľudovít, *1907, †1993) genannt Lolo gewesen ist, ein Techniker-Autodidakt der eine Methode zur Verwendung von Stahlseilen beim Bau großer Dachkonstruktionen erfand und in Zusammenarbeit mit dem Statiker und Bauingenieur Jozef Poštulka mehr als 100 Seildächer im In- und Ausland realisierte (zum Beispiel die Sporthalle Pasienky oder den Olympiastadion in München). Im Jahre 1927 feierte das Eisenwarengeschäft Mader das 225. Jubiläum seiner Gründung. Über den Schaufenstern prangten zwei große leuchtende Reklamen mit den Ziffern 225 - 1702-1927 und in der Lokalpresse erschienen Glückwunschartikel. Doch schon bald zogen dunkle Wolken über den Eisenwarenladen auf. Da das Gebäude beträchtlich in die Straße hineinragte, begann es den wachsenden Verkehr der Stadt zu behindern. Die Ecke des SNP-Platzes und der Štúrova Straße (genannt auch Mader-Ecke) wurde zu einem frequentierten Schauplatz von Verkehrsunfällen. Deshalb beschloss der Stadtrat im Jahre 1930, das Gebäude von der Familie Weisz abzukaufen, abzureißen und ein neues Gebäude nur auf einem Teil des ursprünglichen Grundstücks zu errichten. Dadurch wurde die Štúrova Straße verbreitert und das Verkehrsproblem gelöst.

Das Wohn- und Geschäftshaus Luxor, das anstelle des Esterházy-Hauses errichtet wurde. Sammlung: J. Cmorej.
Nach jahrelangen Verhandlungen über den Kaufpreis schlossen die Stadt und die Familie Weisz im Jahre 1935 eine Vereinbarung, wonach die Stadt nur den Teil des Grundstücks, der den Verkehr behinderte, für 935.000 Kronen (Kčs) kaufen würde, während der verbleibende Teil von einer Privatperson erworben werden sollte. Anschließend wurde im Jahre 1937 das Esterházy-Haus abgerissen, das mindestens zweimal von Franz Liszt besucht wurde und in dem später mehr als 80 Jahre das legendäre Pressburger Eisenwarengeschäft untergebracht war (das kurz darauf bankrott ging). Auf seiner Stelle blieb dann ungefähr ein Jahr lang eine leere Abbruchstelle. Erst nach dem Lösen des Problems mit dem aufsteigenden Grundwasser begannen im Jahre 1938 die Bauarbeiten, bei denen die Fahrbahn auf dem SNP-Platz und auf der Štúrova Straße verbreitert wurde (unter anderem wurde damals auch die Floriansäule vor die Blumentalkirche übertragen) und im Jahr 1939 wurde nach einem Entwurf von Jan Víšek Ein funktionalistisches Gebäude errichtet, das als Wohn- und Einkaufshaus Luxor bekannt ist und eine wesentlich schmalere Fassade, als das ursprüngliche Esterházy-Haus aufweist.
Ján Vyhnánek
Übersetzung: Astrid Rajter



