Zum 270. Jahrestag der Geburt eines der erfolgreichsten und anerkanntesten Geigenvirtuosen seiner Zeit: Martin Schlesinger

Vor einiger Zeit brachten wir den Artikel über den virtuosen Oboisten und Pauker Georg Druschetzky (1745 – 1819).  Vieles verbindet ihn mit seinem Zeitgenossen, dem Geigenvirtuosen Martin Schlesinger (9.11.1754 Wildenschwert / Ústí nad Orlicí – 12.8.1818 Wien). Beide kamen aus Böhmen, beide spielten in zwei der wichtigsten Orchester, die in Pressburg in der Blütezeit dieser Stadt wirkten. Sie waren in verschiedenen Teilen der Monarchie tätig: Böhmen, Österreich und Ungarn. Ihre Wege kreuzten sich an verschiedenen Orten. Beide wurden im Jahr 1783 Mitglieder der Wiener Tonkünstler-Sozietät und zwar im Abstand von 3 Wochen.

Palais Grassalkovich um 1900 (Bild: Fortepan)

Als Sohn eines Müllers, entwickelte Schlesinger bereits im Kindesalter sein seltenes Talent zum Violinspiel und trat in Konzerten auf. Später kam er nach Königgratz / Hradec Králové, wo auch Anton Zimmermann  tätig war. Schlesinger unternahm eine erfolgreiche Konzertreise nach Russland. Am Rückweg von dieser Reise engagierte ihn Graf Anton Grassalkovich in Pressburg als Musik-Direktor seiner Kapelle.

Schlesinger heiratete am 6.11.1783 in der Trinitarierkirche die Tochter des Bäckers J. Carl Hollober, Maria Elisabeth Hollober, geboren am 3.4.1765 in Pressburg. Sie wohnten bei den Schwiegereltern im Bäckermeisterhaus in der Viereimergasse / Suché mýto in der Nähe seines Dienstortes. Das Paar hatte fünf Kinder, die alle in Pressburg geboren wurden.

Am 23.12.1783 debütierte er in Wien als Solist in einem Violinkonzert bei einer musikalischen Akademie der Tonkünstler-Sozietät im National-Hofburgtheater. Mozart, der am ersten Konzert am Vortag selbst mitwirkte, wobei er für die Gebrüder Stadler eingesprungen ist, und dessen Rondeau an beiden Abenden am Programm stand, berichtete darüber kurz im Brief vom 24.12.1783 an seinen Vater.

Die Pressburger Zeitung vom 24.1.1784 lobt seinen Auftritt beim Abschiedskonzert des Cellisten Franz Xaver Hammer am 19.1.1784 im Schauspielhaus folgend: „...Hr. Schlesinger, Musikdirektor bey Sr. Exzellenz dem Herrn Grafen v. Gassalkowics, bezauberte mit seiner ihm eigenthümlichen Anmuth, Deutlichkeit und bewundernswürdigen Fertigkeit, auf der Violine, Herzen und Ohren.“

Im Jahr 1784 trat er der Freimaurerloge Zur Sicherheit in Pressburg bei, die Joseph Zistler, führender Geiger in Pressburg und ehemaliger Direktor der erzbischöflichen Hofkapelle, gründete, und in die er Schlesinger einführte. Schlesinger wird als „Lehrling“ erwähnt. Die Loge leitete der Reichsritter Freiherr Johann Michael Schilson, Autor des Librettos zum Melodram "Die Wilden" (Musik von Anton Zimmermann), der das Haus mit heutiger Adresse Hauptplatz 2 besaß.

Pressburg im Jahr 1765

Der sparhafte Kaiser Joseph II. nahm keine neuen Spieler in die Hofmusikkapelle auf und gründete am 1.3.1782 die k. k. Kammer-Harmonie. Adelige reduzierten dann ebenfalls ihre Orchester oder behielten nur ein Streichquartett. Nachdem Josef II. das Landeszentrum von Pressburg nach Ofen verlegt hat, hielt sich Fürst Grassalkovich (seit 1784 in den Fürstenstand erhoben) nur sporadisch in Pressburg auf. Noch bei der Taufe von Schlesingers Tochter Theresia im Oktober 1784 steht im Taufbuch der Beruf des Vaters „Director Musico in Aula Principis Grassalkovics“.

Schlesinger wurde Kammervirtuose bei Graf Ludwig Erdödy in Fidisch bei Eberau im heutigen Burgenland (damals Ungarn). Im Jahr 1785 war er Mitglied der Freimaurerloge "Zum goldenen Rad" in Eberau, als „Meister“ angeführt, ebenfalls wie sein Kollege Johann Matthias Sperger.

Am 28.1.1788 wurde im Pressburger Bäckermeisterhaus Schlesingers Sohn Carl geboren.

Am 16.3.1788 spielte Martin Schlesinger ein Violinkonzert im Rahmen der Großen musikalischen Akademie der Wiener Tonkünstler-Sozietät, offenbar eine eigene Komposition.

Schlesinger wurde 1788 bei Kardinal und Fürsterzbischof Joseph Batthyány als Kammer-Virtuose angestellt. 1789 bei der Geburt und dem Tod seiner Tochter Elisabeth Josepha wird er als Kapellmeister bei Batthyány angeführt, wohnhaft in der Schöndorfer Gasse / Obchodná ulica. Noch 1790/91 war er in dessen Diensten als Musik-Direktor.

Primatialpalais (1850)

Während der Krönung zum König von Ungarn am 15.11.1790 wohnte Leopold II. als Gast von Kardinal Batthyány im Primatialpalais. Schlesinger war für den musikalischen Teil der Krönungsfeierlichkeiten (Kirchen- und Tafelmusik) zuständig, was aus einem Beleg erkenntlich ist. Bekanntlich wurde die Symphonie in C-Dur „Die Freude des ungarischen Volkes über die Krönung Leopold II.“ von Paul Wranitzky aufgeführt.

Im Februar 1793 befand sich Schlesinger bereits in den Diensten des Grafen Joseph Erdödy in Freystadt(l) / Freistadt(l) / Hlohovec. Dieser residierte auch in Wien und Pressburg. In Freystadtl liess er im Jahre 1802 ein kleines Theater im Empirestil bauen lassen, welches bis heute erhalten ist.

1796 wurde Schlesingers Tochter Maria Elisabeth in Pressburg geboren.

1800 zog Schlesinger mit seiner Frau und seinen 3 Kindern nach Wien, weil Graf Erdödy ungarischer Hofkanzler wurde und seinen Hauptwohnsitz nach Wien verlegen musste. Die Familie Schlesinger wohnte in der heutigen Singerstraße 28. Dort starb im Jahr 1802 die Ehefrau an einer Lungengangrän, sie wurde auf dem St. Marxer Friedhof beigesetzt.

Bei der musikalischen Akademie der Tonkünstler-Sozietät am 3.4.1803 spielte Schlesinger zusammen mit Anton Wranitzky ein Doppelkonzert für zwei Violinen – komponiert und gespielt von den beiden Künstlern.

In einem Brief vom Anfang Dezember 1804 nannte Beethoven der Gräfin Josephine Deym, geb. Brunsvik Schlesinger als möglichen Quartettspieler bei einem Konzert im Haus der Gräfin am künftigen Mittwoch. Am 8.12. und am 12.12.1813 nahm Schlesinger gemeinsam mit den besten Musikern Wiens an zwei Wohltätigkeitsaufführungen von Beethovens "Wellingtons Sieg oder die Schlacht bei Vittoria" im Festsaal der Wiener Universität teil, deren Erlös den verwundeten Soldaten aus der Schlacht von Hanau zugute kam.

Kein geringerer als Franz Schubert äußerte sich zur Qualität seines Spieles in seinem Tagebuch. Am 13.6.1816 spielte Schlesinger an einem Musikabend am ersten Pult in Mozarts Quintett. Schubert dazu: „Ein heller, lichter, schöner Tag wird dieser durch mein ganzes Leben bleiben. Wie von Ferne leise hallen mir noch die Zaubertöne von Mozarts Musik. Wie unglaublich kräftig und wieder so sanft ward’s durch Schlesingers Spiel in Herz tief, tief eingedrückt.“ Schlesingers Tochter Theresia Jenny war auch anwesend und spielte Klavier.

Martin Schlesinger starb am 12.8.1818 in der Wohnung seiner Tochter Theresia in der heutigen Walfischgasse 7 an Nervenfieber (wie Typhus damals genannt wurde) und wurde auf dem Matzleinsdorfer Friedhof (heute Waldmüllerpark) beigesetzt. Seine Schüler und Freunde gedachten seiner am 20.8. in der Augustinerkirche mit dem Requiem vom Münchner Hofkapellmeister Peter von Winter.

Die älteste Tochter Theresia war seit 1808 mit dem Schweizer Textilindustriellen Gabriel Jenny verheiratet. Gabriel Jenny verlor in den 1820-er Jahren sein vermögen, starb an Lungenlähmung (1835) und hinterließ Theresia mit psychischen Problemen in Armut mit fünf Kindern zurück. Trotzdem machten zwei Söhne dieses Paares Karriere: Gabriel Balthasar Ritter von Jenny (1810 – 1891) – Staatsanwalt und später Sektionsrat, wirkte bei der Küstenländischen Statthalterei in Triest, trat in jungen Jahren als Violinist in Konzerten der Gesellschaft für Musikfreunde auf. Karl Jenny (1819 –1893) wurde Professor für Mechanik und Maschinenlehre an der Bergakademie in Schemnitz / Banská Štiavnica, später Professor, Dekan und Rektor am Polytechnikum, später Technische Hochschule Wien.

Martins Sohn Carl wurde Kammermusiker bei Graf Joseph Erdödy, ist aber bereits im Alter von 22 Jahren im Jahr 1813 in Wien an Lungensucht verstorben. Nur drei Tage später wurde Martins Großneffe Karl Schlesinger (1813 – 1871) geboren, der spätere Solo-Cellist der Wiener Philharmoniker, Mitglied der Hofmusikkapelle und des Hellmesberger-Quartetts, Professor am Wiener Konservatorium, und Lehrer von Friedrich von Dohnányni (Vater von Ernst von Dohnányi).

Die Wiener Allgemeine Musik-Zeitschrift schrieb 23 Jahre nach Martin Schlesingers Tod: „Er hat mit einer sich selbst geschaffenen Unterrichtsmethode eine ansehnliche Zahl hoffnungsvoller Zöglinge herangebildet, mehrere seiner handschriftlichen Compositionen, als unwürdig der Publicität, zum Feuertode verdammt.“ Zu seinen Schülern zählten die erfolgreichen Violinisten und Dirigenten Ferdinand Piringer (1780 –1829) und Joseph Benesch (1795 – 1873). Von Schlesingers Kompositionen wurden ein Thema mit VI Variationen für Violine und Orchester (1799) und ein Rondo hongroise für Violine und Klavier herausgegeben.

Ich beziehe mich vor allem auf den Artikel von Hedy Svoboda „Der Geiger Martin Schlesinger und seine Fäden zu Ludwig van Beethoven und Franz Schubert“.

Zuzana Godárová

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