Mein virtueller Rundgang durch die Altstadt hatte den Vorteil, dass mir die Füße nicht wehtun und ich meinen Streifzug durch Pressburg nun ausgeruht oder voll fit in realiter fortsetzen kann. Benyovszky ist dabei nicht mein einziger Begleiter, denn beim Steiner habe ich mich im Sortiment an Pressburger Literatur reichlich bedient. Die vielen alten Ansichten in den Büchern beflügeln den Forschergeist. Wo bitte ist das? In der Ferdinandstadt? Dort schaut es heut aber ganz anders aus…
Also auf geht’s in die ehemalige Vorstadt, die nur wenige Schritte von meinem Rastplatz entfernt liegt. Länger hätte ich es in der Lesezone (Sie erinnern sich an den Garten im Michaelergraben?) ohnehin nicht ausgehalten, zu sehr fühl ich mich wie in einem Tiergarten, hinter den Gittern, beäugt von den Leuten, die von der Brücke in meinen Zaubergarten blicken.

Michaelergasse mit Turm
Also hinauf in die Michaelergasse, durch den Torturm, vorbei an Straßenmusikanten und den alten Frauen aus den Dörfern der Kleinen Karpaten, die je nach Jahreszeit Lavendel, Maiglöckerl oder irgendwelche Kräuteln verkaufen. Durch das Michaelertor drängt sich alles von nah und fern wie durch einen Trichter. Ein paar Meter weiter, am Kohlmarkt, verlaufen sich die Menschen in alle Richtungen. Sie rennen über historischen Boden, auf dem so mancher sein Leben lassen musste. Karl Benyovszky schildert die Szene: „Es waren meist Enthauptungen, bei denen der Delinquent auf einem hölzernen Stuhl saß und der Scharfrichter ihm mit dem breiten Richtschwert den Kopf abhieb. Diesen legte man in einen aus Stroh geflochtenen Korb, während der Körper mit einer Decke verhüllt wurde. Weil dem Hingerichteten ein kirchliches Begräbnis verweigert wurde, verscharrten dann Henkersknechte seine Leiche.“
Jetzt heißt es blättern in den alten und neuen Bücheln und die passenden Ansichten zu dem Platz zu finden, zum Vergleich des Gestern mit dem Heute. Die längste Zeit nannten ihn die Pressburger Kohlmarkt, weil sie hier ihr Holz und ihre Kohle oder Holzkohlen kauften. Die Kohlenbrennereien selbst lagen außerhalb der Stadt in den Wäldern der Kleinen Karpaten. Der Platz behielt seine Bezeichnung auch, als der Markt längst ein Stück stadtauswärts verbannt worden war. Wie so viele Plätze und Straßen Pressburgs bekam auch der Kohlmarkt 1879 einen neuen Namen – mit einem ungarischen Bezug, selbstverständlich. Aus dem Kohlmarkt wurde der König-Ludwig-Platz. (Dieser ungarische König des 14. Jahrhunderts hatte der Stadt viele Privilegien verliehen.) 1918 hatten die ungarischen Nationalhelden im Pressburger Stadtbild schon wieder ausgedient. Der Nagy Lajos verschwand ebenso wie der Kossuth Lajos oder der Deák Ferenc von den Straßenschildern.

Erzh. Friedrichstrasse
Auf dem Kohlmarkt zog Jozef Ľudovít Miloslav Hurban ein, Schriftsteller und wie andere seiner Zunft im 19. Jahrhundert, gerade wenn sie einer jungen, mitteleuropäischen Nation angehörten, auch Politiker. Hurban würde seinen Platz, den Hurbanovo námestie, heute kaum wiedererkennen. Ja, die Trinitarierkirche mit den beiden niedrigen Türmen und der leicht geschwungenen Fassade, gebaut nach dem Vorbild der Wiener Peterskirche, ist noch da, so wie das ehemalige Komitatshaus daneben, das schon zum Komitatshausplatz (heute Pfarrplatz-Župné námestie) gehört. Blickte der Dichter gerade aus, würde er seinen Augen nicht trauen: Was ist aus den Häusern an der Dürren Maut (Suché mýto) geworden? Das Antlitz dieser historischen Ausfallstraße, in der Endzeit der Monarchie nach Erzherzog Friedrich benannt, hat sich in den letzten Jahrzehnten drastisch verändert. Einst kamen über diese Straße die Waren aus Mähren und noch weiter nördlich gelegenen Regionen in die Stadt, der Transport erfolgte also über Land und nicht wie sonst üblich in Pressburg über die Donau, daher wurde die hier gelegene Mautstation Dürres Mauttor genannt. Der Name übertrug sich auf die gesamte Straße. Schließlich wurde aus der Dürren Mauttorgasse die Dürre Maut, Slowakisch Suché mýto.
Die alten Ansichten zeigen eine elegante, harmonisch wirkende Gasse. Nicht die Bomben von 1944, die spätere Stadtplanung hat sie von der Altstadt getrennt. Aber auch hier, zwischen Dürrer Maut, Grassalkovich-Platz (Hodžovo námestie), Heumarkt (Námestie 1. mája), Spitalgasse (Špitálska), Blumental und der Donau entdecke ich mein Pressburg. Vielleicht ist es gerade hier meine Stadt, nicht das herausgeputzte, sondern das unfertige, in seinem Wirrwarr an Neuem und Altem gleichermaßen anziehende wie irritierende Pressburg.
Häuser, Beisel und Geschäfte wollen eingeordnet, bewertet werden, so wie auch die Menschen. Gehören sie zur Avantgarde der Stadt oder sind es schon in den Abgrund gestürzte Existenzen? Vielleicht beides. Man braucht nur das Etikett zu tauschen. Was bleibt, ist Ambivalenz. Vergammelte kommunistische Fassaden, zerbrochenes Fensterglas, Fastfoodläden mit dem Geruch von Fett von vorgestern, dazwischen ein schick sein wollendes Café, das gerade deshalb so sehr Provinz ist, dann wieder ein kleines Rokokohaus, das Tor angeschmiert, der Putz bröckelt und trotzdem ist es ein Kleinod. Den Hintergrund der Szenerie bilden die neuen schicken Stadtviertel. Ich spür die Spannung in diesen Grätzeln, sie wissen selbst noch nicht, was sie sein wollen, sind nicht fertig, hier ist das kleine Pressburg mehr Stadt als das satte Wien.
Und wieder bin ich abgeschweift, in Viertel, in denen ich auf meinem Spaziergang noch lange nicht angekommen bin. Denn noch steh ich am Kohlmarkt beim Baťa-Haus. Die Geschichte des mährischen Industriepioniers Jan Baťa, des Königs der Schuhe, hat alle Ingredienzien eines dramatischen Films: bedeutender Unternehmer der ersten tschechoslowakischen Republik, Nazi-Flüchtling und von den Kommunisten Verfemter. Jan Baťa musste einen Weg gehen, den er mit vielen Europäern des 20. Jahrhunderts teilte und der Europas Mitte einen nachhaltigen Brain-Drain zugefügt hat.

Baťa-Haus
Baťa hat auch Architekturgeschichte geschrieben, vor allem im mährischen Zlin, das er zur viel apostrophierten Perle des Funktionalismus machte. Das Pressburger Kaufhaus, den eleganten Eckkubus auf gläsernem Sockel, baute Vladimír Karfík, der Chefplaner des Baťa-Konzerns. Das Baťa-Haus am Hurbanovo námestie ist einer jener Bauten, die uns vom goldenen Zeitalter der tschechoslowakischen Architektur der Zwanziger- und Dreißigerjahre geblieben sind und die, wenn auch neue Grenzen gezogen worden waren, ihre Inspiration auch aus dem noch immer regen Austausch zwischen Prag, Brünn, Wien und Pressburg (und den Städten Deutschlands) erhielt.
Heute finden Sie im Pressburger Baťa-Haus ein Restaurant und eine Rooftop-Bar. Der Ort kehrte damit zu seiner ursprünglichen Bestimmung zurück, denn vor dem Baťa-Bau stand hier das Wirtshaus „Zum Schmidt Hansl“. Zur Familie Baťa, der einst – nur ein wenig übertrieben gesagt – die halbe Slowakei gehörte, hat die Slowakische Republik ein nicht gerade einfaches Verhältnis.

Ruhestätte der Familie Ludwig auf dem evangelischen Friedhof
Prager bauten in Wien, so wie Wiener in Prag und mit Pressburg verhielt es sich genauso, wobei die (neue) Staatsbürgerschaft noch nichts über die Nationalität der Architekten sagte. Aus Pressburg stammten unter anderem Christian Ludwig, der für die Stadt gemeinsam mit Emerich Spitzer und Augustín Danielis das Wohn- und Geschäftshaus Manderla am Marktplatz, Berufene nennen es ein Meisterwerk des Funktionalismus, entwarf, und Siegfried Theiss. Dieser plante gemeinsam mit Hans Jaksch das Hochhaus in der Wiener Herrengasse. Christian Ludwig, Vater von Christian Ludwig Attersee, wurde aus Pressburg vertrieben und starb in den Sechzigerjahren in Linz. Sein Leichnam wurde 2004 auf den evangelischen Friedhof von Pressburg überführt. Christian Ludwig Attersee und der 2021 verstorbene Hugo Portisch sind die beiden heute bekanntesten Österreicher aus Pressburg. Beide haben ihren Frieden mit der Stadt gemacht. Die Pressburger Zeitung widmete Attersee unter der Schlagzeile „Ein Pressburger kommt nach Hause“ eine Titelgeschichte.
Kehren wir noch einmal kurz zur Pressburger Architekturgeschichte zurück. Vielleicht fallen Ihnen die vielen kubistischen Bauten am Übergang von der Inneren Stadt zu den anderen Stadtteilen auf. Die erste tschecho-slowakische Republik war eine Hochburg moderner Architektur. Funktionalismus, Kubismus und Bauhausstil repräsentierten den Aufbruch in eine neue Zeit. In Pressburg zogen in die kubistischen Bauten viele Tschechen, die in die Verwaltung der Stadt und in öffentlichen Unternehmen tätig waren und aus Böhmen und Mähren an die Donau gekommen waren, nachdem viele Ungarn sich geweigert hatten Slowakisch zu lernen und lieber nach Ungarn gegangen waren. Viele Tschechen wiederum waren mit dem Ende des Ersten Weltkriegs aus allen Teilen Cisleithaniens in die neue Republik zurückgekehrt und nutzten die Chance, in Pressburg Arbeit zu finden. Das mittlere Management zog in die neuen Bauten am Rande der Altstadt, die hohe Beamtenschaft und das Top-Management in Villen am Hausbergl.

Die Kapuzinerkirche
Wo zieht’s mich hin? In die Kapuzinerstraße (Kapucínska) oder über die Dürre Maut zur Stefaniestraße (Štefánka), in die Schöndorfer Gasse (Obchodná) oder doch auf den Marktplatz (Námestie SNP)?
Es wird die Kapuzinerstraße – des schönen Abendlichtes wegen und weil es dort nette Cafés gibt, in einem bekomm ich sogar meine geliebten Pressburger Kipferl. Die Erfolgsgeschichte der hiesigen Beugel begann im Jahr 1785, als Bäckermeister Schiermann seinen Kunden das erste Mal die später so beliebten Nuss- und Mohnbeugel offerierte. Nur zwei Jahre später ließ er in einer zweiten Bäckerei nur mehr die Pressburger backen und nicht ganz zweieinhalb Jahrhunderte später stehen die Pressburger Kipferl unter dem Schutz der Europäischen Union. Wenig überraschend, man denke nur an Steirisches Kürbiskernöl, Krainer Würste oder Tokaier Wein, musste die Slowakei zuvor mit Österreich und Ungarn handelseins werden, schließlich gibt’s die Kipferl namens Pressburger auch dort. Essgewohnheiten passen sich erfreulicherweise nicht Grenzen an.

Nussbeugel
Wobei: Als Instrument der Abgrenzung, weniger einer nationalen, mehr einer zwischen Hauptstadt und Provinz, dienten die Kipferl schon einmal, als sie im 19. Jahrhundert als Wiener Kipferl ihren Siegeszug um die Welt antreten sollten, zumindest dem Willen eines ihrer bekanntesten Bäcker nach, was eine kleine Pressburger Pressekampagne nach sich zog. Die Pressburger blieben die Pressburger, zumindest dort, wo der Name der Stadt noch ein Begriff war. In Pressburg bis heute unvergessen sind die Werbesujets für die Beugel von Gustav Wendler, dem erfolgreichen Kipferl-Bäcker aus der Stefaniestraße…
Josef Wallner
Bilder und Fotos: Josef Wallner, Norbert Eisner, Mária Bertha Orbán, Réka Szabó, Archiv von Pressburger Kipferln
Redaktion: Peter Janoviček
Der Artikel wurde ursprünglich in dem Buch „Unterwegs in Altösterreich – Kakanische Reisen von Siebenbürgen bis Triest“ (Verlag Berger, 2020), von Josef Wallner veröffentlicht.