„Mein Pressburg“ von Josef Wallner. Teil 3: Von Bachelors, seltsamen Köpfen und der Nonnenbahn

Geschichte
2. Januar 2023

Samstagabend. Der Strom der Österreicher versiegt, die ersten Standler auf der Promenade klappen die Holzläden hoch. Bratislava-Magnetsticker, Handarbeitszeug aus der Hohen Tatra und Loksche mit fettem Fleisch oder Mohn werden heute nicht mehr gewollt. Denn kaum verschwindet die Sonne hinter den Kleinen Karpaten, beginnt es lauter zu werden. Die Jugend übernimmt die Herrschaft über die Stadt – und das ist gut so. Das Publikum des samstäglichen Schauspiels in der Pressburger Altstadt ist international, diesem Umstand hat sich auch die Lokalszene angepasst. Sie ist beliebig und austauschbar geworden. Die diversen intellektuellen Gruppen unter den Einheimischen bevorzugen daher Lokalitäten am Rand der Altstadt und in andere Stadtvierteln. Das Gefühl, dass die eigene Stadt immer mehr von ihrer Identität verliert, teilen die Pressburger mit den Bewohnern vieler anderer europäischer Städte. In Kakanien kommt noch dazu, dass das gemeinsame Altösterreichische in Gewohnheiten und Sprache auch immer mehr verschwindet. So klagen viele meiner Triester Freunde, dass ihre Stadt immer italienischer und immer weniger triestinisch wird.

Alte Promenade von damals.

Ein paar der zum Junggesellenabschied angereisten Burschen stolpern über zwei Pressburger Attraktionen aus Metall, den aus einem Kanal herauslugenden Bauarbeiter und den Schönen Náci. „Die Idee, einen (Bau-) Arbeiter an der Ecke der Straße Panská und dem Fischertor aus einem Schacht schauen zu lassen, ist aber wirklich sehenswert“, meint die Tourismuswerbung. Der Schöne Náci aus der Sattlergasse (Sedlárska) hat sogar ein historisches Vorbild, den in zerschlissener Eleganz durch Pressburg spazierenden Ignác Lamár. Dandy im Wrack nennen sie ihn jetzt in der Stadt. Ob das den stets freundlichen alten Herrn gefallen hätte?

Die Wege von Touristen und Bachelors sind auch in Pressburg berechenbar. Ich kann ihnen leicht ausweichen. Am Ende der Herrengasse oder Lange Gasse (Panská), der Pressburger Meile des Adels mit den in der mariatheresianischen Zeit erbauten Palais der Pálffy, Esterházy, Csáky und Keglevich (Keglević), sind sie weg. Das Stimmenwirrwarr weicht einer anderen, noch vertrauteren Geräuschkulisse, dem Lärm des Verkehrs, der von der Lände und der architektonisch beeindruckenden SNP-Brücke heraufzieht auf den Domplatz (Rudnayovo námestie) und den Fischplatz (Rybné námestie), wo einst die große Pressburger Synagoge stand. Sie wurde nicht in den dunklen Jahren des slowakischen Faschismus niedergerissen, sondern erst im Zuge der Stadtregulierung in den späteren Jahren des Kommunismus. Die Wunde, die damals der Stadt zugefügt wurde, klafft noch immer und sie schmerzt mich jedes Mal, wenn ich aus der Inneren Stadt auf den Schlossberg spaziere. Seit einigen Jahren erinnert eine interessante Ausstellung am Platz an die Synagoge und ihre Geschichte. Nicht fehlen darf dabei das auf dem Platz 1918 aufgenommene Foto, dass das letzte ungarische Königspaar Karl und Zita und den sie segnenden Oberrabbiner Samuel Funk zeigt.

Zuckermantl

Der Schlossgrund mit Zuckermantl (oder -mandl), dem Schlossberg, dem Hausbergl und Weidritz (auch Wödritz, Vydrica) wurde in den Sechziger- und Siebzigerjahren nach dem Zweiten Weltkrieg planiert, arrondiert, zerstört. In der ehemaligen Theresienstadt (Podhradie-Terézváros) wurde Platz gebraucht für die neue Straße, die Engerau (Petržalka) über die SNP-Brücke (Most Slovenského národného povstania, Brücke des slowakischen Nationalaufstandes) mit der Innenstadt verbindet. Geblieben ist wenig, wie das Haus zum Guten Hirten (Dom U dobrého pastiera), nach der Christusfigur an der Fassade so genannt. Jeder Stock des Rokokohauses, jetzt ein Uhrenmuseum, hat nur einen Raum.

Mich zieht es allerdings mehr hinunter nach Zuckermandl, dort, wo der alte Franz Xaver Messerschmidt seine Grimassenköpfe schuf. Nur die Kirche und ein paar Häuser sind von dem Ort mit dem verlockenden Namen geblieben. Sie beherbergen die Museen der Karpatendeutschen und der Ungarn in der Slowakei. Daneben ist ein neuer Stadtteil entstanden und auch im ehemaligen Weidritz ist der Bauboom mittlerweile angekommen. Und das ist gut so. Die Zeit bleibt nicht stehen. Wenn auch nicht jedes Bauvorhaben gelungen sein mag, habe ich doch den Eindruck, dass die moderne Pressburger Architektur ambitionierter ist als jene in der Schwesternstadt Wien.

Der jüdische Friedhof

Noch weiter donauaufwärts liegen drei historische Friedhöfe der Stadt, der Alte und der Neue jüdische Friedhof und der Nikolausfriedhof. Sie finden diese Gottesäcker in jedem Reiseführer mit dem Prädikat sehenswert ausgezeichnet, so wie die Chatam-Sofer-Gedenkstätte am Areal des alten orthodoxen jüdischen Friedhofs. 1943 wurde der Friedhof liquidiert, nur 23 Gräber bedeutender Pressburger Juden konnten gerettet werden. Erst nach der Wende war es möglich, an diesem Ort eine würdige Gedenkstätte zu schaffen. Ihrem Namensgeber Chatam Sofer (Mosche Schreiber) werde ich auf meinem Pressburger Spaziergang noch einmal begegnen.

So gern ich diese Orte besuche, mein Pressburger Lieblingsfriedhof ist ein anderer. Es ist der evangelische beim Gaistor, der Kozia brána, am Palisadenweg (Palisády). Dort wird Kakanien wieder lebendig. Man sehe es mir nach, dieses Bild für einen Friedhof zu benützen, allein es passt mir so gut. Ins ehemalige evangelische Viertel in und rund um die Nonnenbahn, die Panenská, zieht es mich immer wieder. Barock und klassizistisch sind die Bürgerhäuser und Palais, nicht wenige von ihnen scheinen sich ihrem Verfall ergeben zu haben. Sie umgeben die von Matthias Walch geschaffene Große Evangelische Kirche (Veľký evanjelický kostol); ein wunderbarer Bau, so anders als die hierzulande übliche Sakralarchitektur. Der Architekt musste Maria Theresias Vorgabe eines nicht repräsentativen Kirchenbaus beachten. Wenige Geschäfte, ein, zwei Antiquitätenhändler, moderne Cafés, Schulen im k. u. k. Stil machen das Grätzel zu einem meiner Pressburger Sehnsuchtsorte. Wenn Sie Glück haben, findet am Samstag in der Nonnenbahn ein Markt statt. Hier trifft sich dann das junge Pressburg bei Chai latte und Co. Ein Hauch des alten bürgerlichen Lebens liegt unter der Woche hier in der Luft, unwillkürlich richtet man seinen Oberkörper gerade und geht gemessenen Schritts seines Weges, von einer Chopin-Etüde, auch Pressburger Musikstudenten dürfen sich plagen, die aus den Fenstern der Musikhochschule klingt, begleitet. Mit den vielen Schulen hätte wahrscheinlich der schlesische Augustinerabt Johann Ignaz v. Felbinger seine Freude gehabt. Er verfasste für Maria Theresia die Allgemeine Schulordnung für die deutschen Normal-, Haupt- und Trivialschulen. Gestorben ist er 1788 in Pressburg, in das er zehn Jahre zuvor gekommen war. Die Kaiserin hatte Felbinger von ihrem Intimfeind Friedrich II. übernommen, der interessanterweise nichts dagegen hatte, dass der Augustiner eine der wichtigsten Reformen Maria Theresias maßgeblich mitgestaltete.

Im evangelischen Viertel rund um die Nonnenbahn

Aber wo ist die Nonnenbahn und wo bin ich? – Noch steh ich unschlüssig am Fischplatz. Soll ich den Schlossberg hinauf spazieren, vielleicht mir einen Kaffee auf der Terrasse des Burgrestaurants (Restauracia Hrad) gönnen und statt der Mehlspeis zum Mokka den famosen Blick auf das kleine Altstadtensemble und das neue Bratislava genießen? Hochhäuser gibt es genug zu schauen, und die Pressburger Skyline hat schon den Charakter einer Sehenswürdigkeit. Sky Park, Twin City und das Areal rund um die alte Zwirnfabrik sind aus architektonischer Sicht durchaus Hingucker. Und die Stadt wächst weiter. Neben dem Umbau des alten Hafens zu einer Hafenstadt nach dem Vorbild von Hamburgs Speicherstadt, wird bald der Stadtteil Neuer Lido am Engerauer Ufer entstehen und mit einer Fußgängerbrücke mit dem Stadtteil in Transdanubien rund um die neue Oper, die auch schon aus den Achtzigerjahren stammt, und das weiter wachsende Eurovea-Viertel verbunden.

Nonnenbahn um 1930.

Und trotzdem: Es sind die Altstädte und vor allem die Kirchen, die die Silhouette einer europäischen Stadt unverwechselbar machen. Gewinnt Architektur erst mit Patina an emotionalem Wert? Womit man aufgewachsen ist, was uns in der Kindheit umgeben hat, ist gut, so scheint es. Das neue Wien der Groß- und Urgroßeltern ist unser altes, vertrautes. Und das ist gut, oder? Sie widersprechen? Sicher, ich gebe Ihnen Recht. Die Bauten aus den Siebzigern, also aus meiner Kindheit, sind nicht gut, sondern grässlich. Und ich werde das nicht mit einem Oft abschwächen. Schiach bleibt schiach. Aber die Gründerzeitbauten oder selbst die pompösen Kästen der unmittelbaren Vorkriegszeit wie das ehemalige Kriegsministerium am Stubenring? Für die meisten aus meiner Generation sind sie schön oder zumindest imposant. (Die meisten und schön, was für Unwörter für Architekturkritik!). In ihrer Entstehungszeit wurde sie von Vielen in Grund und Boden verrissen. So ändern sich die Zeiten. Werden die gläsern schimmernden sky scraper jemals eine vergleichbare Patina ansetzen? Sind sie darauf überhaupt angelegt, oder sollen sie nach einem halben Menschenleben unwirtschaftlich, verbraucht und hässlich sein, ganz ohne Patina, um wieder Platz zu schaffen für Neues? Warum auch nicht.

Josef Wallner

Bilder und Fotos: Josef Wallner und Norbert Eisner, Archiv von Pressburger Kipferln

Redaktion: Peter Janoviček

 

Der Artikel wurde ursprünglich in dem Buch „Unterwegs in Altösterreich – Kakanische Reisen von Siebenbürgen bis Triest“ (Verlag Berger, 2020), von Josef Wallner veröffentlicht.

Teil 1 hier

Teil 2 hier

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