Engerau unter der Herrschaft des Dritten Reiches

Geschichte
2. Oktober 2022

Nachdem wir uns mit der Geschichte Thebens während des Zweiten Weltkriegs befasst haben, werden wir uns dieses Mal einem anderen Teil des heutigen Bratislava widmen, und zwar einem solchen, der 1938 dem Deutschen Reich einverleibt wurde.

Die UNGARN nannten es Ligetfalu, später Pozsonyligetfalu, die DEUTSCHEN Engerau oder Audorf, die SLOWAKEN Petržalka und die KROATEN Nijebrod. Die Ortschaft am rechten Donauufer wurde 1946 Bratislava zugeteilt und seit 1972 schrittweise „assaniert“, in das bevölkerungsreichste slowakische Siedlungsgebiet namens Petržalka umgewandelt bzw. umgebaut.

Der moderne slowakische Name der Ortschaft Ligetfalu oder Engerau – „Petržalka“ – wurde zum ersten Mal 1919 urkundlich erwähnt. Nach der Volkszählung von 1910 lebten in diesem Gebiet 67,76% Deutsche, 16,80% Ungarn und 10,79% Slowaken. Das Dorf Petržalka selbst erstreckte sich jedoch nicht über das gesamte Gebiet des heutigen Stadtviertels von Bratislava. HIERZU gehörten auch die Gebiete dreier anderer Gemeinden: Kittsee – Kopčany, Oberufer – Prievoz, zu dem damals auch der heutige Stadtteil Ovsište zugeordnet worden war, und schließlich das Donauufer, das zur Stadt Pressburg/Bratislava gehörte.

Eine historische Postkarte aus der Zeit von 1938 – 1945, mit einem Panorama von Petržalka (Engerau an der Donau), voller Gärten und Obstgärten, mit der Stadt Bratislava im Hintergrund (Quelle: Privatsammlung des Autors).

Petržalka wurde wegen der vielen Grünanlagen auch die „Lunge von Bratislava“ genannt. Die verschlungenen Gebiete der Donauarme und der umliegenden Auenwälder, die Obstgärten, die einen bedeutenden Teil des Gebiets von Petržalka einnahmen, und schließlich einer der ältesten mitteleuropäischen Parks, der heute Janko-Kráľ-Park genannt wird (früher bekannt unter dem Namen Aupark, Ligeti díszkert oder Tyršove sady). All dies prägte das Bild der malerischen Gegend, die zwar nicht zu Bratislava gehörte, aber ein beliebtes Ausflugsziel der Pressburger, der Einwohner von Bratislava war, wie es damals auch in der zeitgenössischen Presse beschrieben wurde:

„Am rechten Donauufer gingen die Bürger von Bratislava sehr oft in den städtischen Obstgärten, auf den Sportplätzen, im Donauschwimmbad Lido und in den bereits erwähnten städtischen Wäldern spazieren. Am Donauufer wurden in den letzten Jahren neben dem Bootshaus des ungarischen Rudervereins die Clubhäuser des slowakischen und des deutschen Ruderclubs gebaut. Es gibt dort auch mehrere Fabriken, und zwar die Fabrik namens Sfinx, die sich auf Emaille- und Metallgeräte spezialisiert hatte, die Fabrik für Reifen und Gummiprodukte Matador, eine Fabrik für Metallschläuche, die Herstellung von Booten, ein großes Dampfsägewerk usw.“

Die Angliederung an das Deutsche Reich

Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 wuchs der Appetit des NS-Regimes, das sein Interesse an den mehrheitlich deutsch besiedelten Gebieten der Tschechoslowakei bekundete. Auf dem slowakischen Gebiet betraf dies neben Theben auch den Brückenkopf Bratislavas am rechten Donauufer, der Teil der V.  Zone der Gebietsabtretung auf der Grundlage des Münchner Abkommens werden sollte. Ein Argument für den Anschluss von Petržalka und der umliegenden Gebiete an das Deutsche Reich war auch die bereits erwähnte Volkszählung von 1910, nach der hier  67,76% Deutsche lebten. Diese Information stimmte jedoch lange Zeit nicht, denn nach der Gründung der Tschechoslowakei zogen viele Slowaken und Tschechen hierher, in erster Linie kleine Angestellte, Handwerker und Arbeiter, die billige Grundstücke kauften, wo sie ihre Häuser aufbauten. In der Wirklichkeit waren 1921 47,7% der Bevölkerung von Petržalka Deutsche, im Jahr 1930 sank diese Zahl auf 22,4%. Dem Reich ging es in erster Linie um die Gebiete des neu errichteten Bunkernetzes, das die Tschechoslowakei aus Angst vor Ungarn und später vor dem expandierenden Deutschland in der Gegend von Petržalka gebaut hatte, sowie um das strategische Gebiet an der Donau, direkt gegenüber von Bratislava.

Nach der Ankündigung des Anschlusses von Petržalka an das Deutsche Reich kam es zu einem Exodus derjenigen, die die Ortschaft verlassen konnten. Viele Zeugen erinnern sich noch an den „nicht endenden traurigen Strom von Karren, die mit Möbeln, Geschirr, Federdecken und Kindern beladen waren.“ Diejenigen, die Familie oder gute Freunde in der Stadt hatten, zogen eilig dorthin. Eine Gruppe von Arbeitern demontierte sogar die Tyrš-Statue im Park, um sie unversehrt nach Bratislava zu bringen. Auch die militärische Ausrüstung und die Maschinen der Fabriken wurden abtransportiert, damit so wenig wie möglich „in die Hände“ der Deutschen fiel.

Am Vormittag des 10. Oktober 1938 trafen Truppen der Wehrmacht in Petržalka ein und das Gebiet wurde von den Offizieren der tschechoslowakischen Armee formell übergeben. Die Grenze wurde in der Mitte der Donaubrücke errichtet und die Passkontrollen erfolgten auf beiden Seiten der Brücke. Petržalka wurde zu „Engerau an der Donau“ und wurde in eine deutsche Gebietseinheit namens Reichsgau Niederdonau eingegliedert. In der deutschen Presse wurde sogar über eine Umbenennung von Engerau in Freidorf berichtet, was aber nicht zustande kam. Engerau war jedoch nicht einmal eine Gemeinde. In zeitgenössischen Dokumenten wird es nicht als Dorf, sondern als Stadt bezeichnet.

Zeitungsausschnitt aus der deutschen Presse, der zeigt, wie die deutsche Bevölkerung den Einzug der Wehrmachtstruppen in Engerau enthusiastisch begrüßt. Im Hintergrund die Stadt Bratislava (Quelle: Archiv des Autors).

Im Gegensatz zur jubelnden deutschen Bevölkerung von Engerau herrschte in Bratislava – in der Stadt, die ihren Brückenkopf verloren hatte – eine traurige Stimmung, die die Dichterin Elena Kamenická (1917-1953) in ihrer Zeitungsglosse festhielt:

„Petržalka … Engerau … Es hat sich nichts geändert, und doch schwindelerregend vieles. Hinter der Brücke steht immer noch derselbe Verkäufer am Zuckerlstand wie zuvor. Aber sein Schuppen ist mit einem Hakenkreuz und deutschen Aufschriften verziert. Es gibt hier immer noch die altbekannten Spielplätze, aber es ist Sonntag und sie sind leer. Es hat sich einfach so viel an ihnen geändert. Die Stadt selbst ist immer noch die alte Stadt. Nur viele der Häuser stehen leer, die slowakischen Inschriften werden nach und nach mit Kalk getüncht. Hier gibt es noch Schilder: Bus von Bratislava … Aber an den Häusern wehen rote Fahnen mit Hakenkreuzen, man grüßt: Heil Hitler! Und die Autos fahren auf der rechten Seite. Nur so viel hat sich geändert…“

Die bürgerliche Schule in der Hitlerstraße in Engerau an der Donau, die vor dem Krieg auch Masarykstraße und nach dem Krieg Stalinstraße genannt wurde. Die heutige Straße namens Zadunajská cesta mit dem noch stehenden Gebäude, in dem ein privates Gymnasium untergebracht ist. (Quelle: Sammlung des Autors)

Das Leben in Engerau

Auch die deutsche Propaganda begann, die Annexion des Gebiets von Petržalka und seiner Umgebung zur Kenntnis zu nehmen. Am 25. Oktober 1938 traf der Führer und Reichskanzler Adolf Hitler in Engerau ein und machte damit die Grenzstadt im ganzen Reich sichtbar. Die Führersuite machte zunächst bei den Bunkern der ehemaligen tschechoslowakischen Festungsanlagen halt, dann zog sie an die Donau, zum Restaurant Au Café. Hier wurden die berühmten Fotos aufgenommen, auf denen Hitler über die Donau auf Bratislava blickt.

Ein Ausschnitt aus der deutschen Zeitung Völkischer Beobachter mit Fotos von Hitlers Besuch in Engerau und Umgebung am 25. Oktober 1938. (Quelle: Archiv des Autors)

In der Stadt kursierten Gerüchte, dass Hitler auch nach Bratislava kommen würde, aber das war nicht der Fall. Am Ende seines Besuchs in Engerau besichtigte Hitler die Wohnungen der Armen und fuhr nach Wien. Die Reichspropaganda nutzte das Elendsviertel – das nur Elysium genannt wurde – als Beispiel dafür, wie die Tschechoslowakei ihre Bürger vernachlässigt hatte. Die Presse nannte dieses Armenviertel „Hungerkolonie von Engerau“ und beschrieb, wie deutsche Truppen, die in Engerau einmarschierten, zerlumpte Frauen und Männer vorfanden, denen „der jahrelange Hunger im Gesicht geschrieben stand.“

Die Lebenswirklichkeit der Bürger von Engerau im Deutschen Reich sah so aus, dass vom ersten Tag an neue deutsche Gesetze und Verordnungen galten, die auch die nichtdeutschen nationalen Minderheiten betrafen. Die slowakischen, tschechischen und ungarischen Schulen und Vereine wurden auf Anhieb aufgelöst, nur noch die deutschen Schulen und Vereine durften weiter fungieren. Junge Deutsche aus Engerau wurden zur Wehrmacht eingezogen, junge Menschen wurden zur Teilnahme an landwirtschaftlichen Zwangsbrigaden verpflichtet.

Die Produktion von Betrieben in Engerau wurde vollkommen auf die Kriegsversorgung umgestellt.

Ein Blick über die Donau vom deutschen Gebiet Engerau auf die slowakische Stadt Bratislava (Quelle: Privatsammlung des Autors).

Engerau fand sich plötzlich isoliert und von der natürlichen Verbindung mit Bratislava getrennt. Die Bauern durften ihre Waren am anderen Donauufer nicht verkaufen, einen Teil ihrer Produktion mussten sie zu niedrigen Lösegeldpreisen an den Staat abtreten. Das Leben von den Bewohnern wurde von der Gestapo überwacht. Jaroslav Gustafik, ein Einwohner des alten Engerau, erinnert sich noch an diese düstere Zeit: „Hier gab es nur Fußball, Karussells, Kino, Schwimmen, Radfahren und das war´s.“

Immer jüngere Jahrgänge mussten sich zur Wehrmacht melden, bis schließlich 17-jährige Jungen an die Front geholt wurden. In Engerau wurden die Männer knapp, so übernahmen die Arbeit in den Fabriken die Frauen, die aus Osteuropa importiert wurden.

Das Konzentrationslager von Engerau

Ein dunkles Kapitel in der Kriegsgeschichte von Engerau ist das Konzentrationslager, das auf dem Gebiet der Ortschaft betrieben wurde. Ursprünglich war es ein Lager für ungarische Juden, die Panzerabwehrwälle gegen die vorrückende Rote Armee bauen sollte. Es wurde Ende 1944 errichtet und rund 1700 Männer aus Ungarn wurden dorthin geschickt, die in sechs kleineren Lagern auf dem Gebiet der heutigen Siedlung Petržalka untergebracht waren. Aufgrund des täglichen Terrors, der Folter und der schlechten Bedingungen wurde das Arbeitslager schnell zu einem KZ-Lager. Viele der Häftlinge überlebten den Winter nicht, den sie unter minderwertigen Bedingungen verbringen mussten. Das Drama der hier inhaftierten Menschen erreichte seinen Höhepunkt an Ostern 1945, also kurz vor der Befreiung von Bratislava und Petržalka. Die unter Alkoholeinfluss stehenden Wachen schlachteten zunächst die Alten, die Kranken und die Gefangenen, die aufgrund ihres schlechten Gesundheitszustands den Marsch nicht überstanden hätten. Der Rest der Häftlinge wurde dann um den Bahnhof versammelt und auf den Marsch nach Bad Deutsch Altenburg vorbereitet. Auf dem Weg dorthin wurden sie jedoch immer wieder beschossen und einige von ihnen wurden getötet.

Nach der Befreiung von Petržalka wurden rund 460 Leichen aufgefunden, die in Massengräbern in der Nähe des örtlichen Friedhofs begraben worden waren.

Menschliche Leichen, die im April 1945 in 5 Massengräbern in der Nähe der nordwestlichen Mauer des Friedhofs von Engerau gefunden wurden. Insgesamt gab es 460 Opfer der Nazi-Gräueltaten (Quelle: Archiv des Autors).

Zwischen 1945 – 1954 fanden in Österreich sechs sogenannte Engerauer Prozesse statt gegen Mörder aus den Reihen der Wachmannschaften des KZ-Lagers von Engerau. Neun von ihnen wurden schließlich zur TODESSTRAFE verurteilt.

Die Befreiung

Nach den Erinnerungen von Jaroslav Gustafik gab es im Februar 1945 erste Anzeichen für das Herannahen der Ostfront. Sowjetische Flugzeuge flogen über Engerau und warfen Bomben auf Ziele in der Ortschaft ab. Die Angriffe wurden immer intensiver und auch das deutsche Zollamt auf der Engerauer Seite der Alten Brücke wurde getroffen. Die Fabriken begannen mit der Demontage der Maschinen, die sie eilig abtransportierten. Ende März 1945 ordneten die Behörden die Evakuierung der Einwohner von Engerau an. Die Produktion in den Fabriken wurde unterbrochen, die Menschen versteckten sich in Schutzräumen.

Die Deutschen befanden sich auf dem Rückzug und ihr Kommando gab in der Nacht vom 2. Auf den 3. April 1945 den Befehl, die einzige Brücke über die Donau in Bratislava zu zerstören. Außerdem setzten sie Kasernen, Lagerhäuser und Bahnhofsgebäude in Brand.  Am Morgen des 4. April 1945 rückten die ersten sowjetischen Patrouillen in Engerau ein. Die Front bewegte sich quer durch Engerau und die Umgebung war hart umkämpft …

 

Engerau wurde schließlich am 5. April 1945 vollständig von der Naziherrschaft befreit.

Die Rote Armee baute rasch zwei provisorische Pontonbrücken über die Donau. Das befreite Gebiet von Engerau ist endlich nach Bratislava zurückgekehrt.

Peter Janoviček

Übersetzung: Melinda Rácz

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