Das letzte Wasserparadies auf der Donau ist nach Süden gezogen. Erinnerungen an die Kormoraninsel

Geschichte
9. Oktober 2022

Sie haben sie abgeholzt und niemand mehr hat mit ihr gerechnet. Die Donauinsel der Kormorane sollte von der Landkarte verschwinden, nachdem sie 1992 vom Wasser des Hrušov-Staudamms überflutet worden war.

 

Quelle: www.skcinema.sk

 

Wir sind auf der Suche nach der Vergangenheit der Insel, die nur einen Steinwurf von Bratislava entfernt ein einzigartiges Naturschutzgebiet war. Der erste Dokumentarfilm, der ein schönes Vermächtnis über sie hinterlassen hat, ist ein Film des Regisseurs Paľo Bielik aus dem Jahr 1944.

Der Film dauert nur 16 Minuten, aber er fesselt den Zuschauer von Anfang bis Ende. Die Filmemacher bauten ihr Lager in einer Wildnis auf, die an den Amazonas erinnert. Der Kameramann filmte das Leben der Kormorane von einem Sitzplatz auf einer Pappel aus, deren Höhe mit der eines mehrstöckigen Wohnhauses konkurrierte. Der Zuschauer ist gerührt von den „Rettungsaktionen“ der Filmemacher, die aus dem Nest gefallene Kormoranbabys einsammeln. Das Filmteam kümmerte sich um sie und fütterte sie mit frisch gefangenem Fisch. Am Ende des Films lächelt der Zuschauer über eine auf einem Schild hinterlassene Nachricht am Ufer. Die Filmemacher verabschieden sich von den Kormoranen und sie weisen sie darauf hin, dass sie die weiteren Fische selbst aus der Donau fangen müssen.

Ein halbes Jahr auf der Insel

Der Ornithologe Josef Ponec kartierte das Leben auf der 110 Hektar großen Insel ein halbes Jahr lang, vom Februar bis zum September 1960. Das Ergebnis sind bemerkenswerte Fotos und ein Buch mit dem Titel Na Ostrove kormoránov (Auf der Insel der Kormorane). Der Zeitpunkt seines Aufenthalts auf der Insel wurde natürlich nicht zufällig gewählt. Dieser Zeitraum fällt zusammen mit der Ankunft der Kormorane auf der Insel, der Zeit ihrer Einnistung, dem Schlüpfen der Nestlinge und schließlich mit deren Abreise.

In dem Buch beschreibt Josef Ponec ganz genau die Lage der Insel.

„Am linken Donauufer, im Bischdorfer Wald (Wald von Podunajské Biskupice), gibt es eine Inselgruppe, die in den Bäumen des Waldes namens Kopáčsky les versteckt ist. Bereits hinter dem Gebiet von Vlčie hrdlo springt das Wasser der Donau über das linke Steinufer und fließt etwa drei Kilometer lang durch einen großen Kanal eines gebogenen Arms. Dann kehrt das Wasser nach einer scharfen Kurve in sein Muttergewässer zurück, dadurch entsteht die größte Donauinsel, die Insel Kopáč. Sobald das Wasser rechts in den Hauptstrom und in einen Nebenarm des breiten Armes mündet, verzweigt es sich links wieder in mehrere Arme, die sich auf ihrem Weg zu mehreren kleineren und größeren Inseln einigen. Genau zwischen den ersten beiden Armen befindet sich die Kormoraninsel.“

 

Das Cover des Buches Auf der Insel der Kormorane (Na ostrove kormoránov) von Jozef Ponec.

 

Der Leser erfährt, dass dies ursprünglich eine Gänseinsel war, die Wildgänse sind aber langsam von der Insel verschwunden. Die Kormorane kamen aus dem Wildpark Lobau bei Wien, wo sie auf alten Pappeln nisteten. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden die Pappeln abgeholzt und die schwarzen Vögel verloren damit ihre Heimat. Ein neues Zuhause fanden sie auf der Kormoraninsel unterhalb von Bratislava. Jozef Ponec schreibt, dass es sich um eine große ornithologische Sensation handelte, da es der einzige Kormoran-Nistplatz in der Republik war. Aus diesem Grund wurde die Insel 1929 zum staatlichen Naturschutzgebiet erklärt, in dem es verboten war, die Vögel zu jagen, Bäume zu fällen, zu zelten oder die Vögel anderweitig zu stören, damit sie in Ruhe nisten konnten.

Der Ornithologe hatte es nicht leicht, die Kormorane zu beobachten. Diese Vögel bevorzugten nämlich vor allem Pappeln, von den einige eine Höhe von 30 Metern erreichten. Sowohl der Bau des Ansitzes als auch die Beobachtung selbst waren dramatisch. Bei dem Bau der Konstruktion haben dem Ornithologen nicht nur Freunde geholfen, sondern auch der Forstwärter von Semethdorf (Kalinkovo). „Der Bau einer Warte in der Höhe war nicht einfach. Die Arbeit in der Krone einer 30 Meter hohen, weit verzweigten Pappel erforderte Vorsicht, denn die Äste waren rutschig“, erinnert sich Ponec. Derzeit leben wir in der Vorstellung, dass heiße Sommer, in denen das Thermometer 40 Grad Celsius erreicht, nur für die heutige Zeit typisch sind. Es mag daher überraschen, das Kapitel zu lesen, in dem der Ornithologe erwähnt, dass das Thermometer auf der Insel Ende Juni 1960 38 Grad im Schatten anzeigte.

Die Insel war das Reich der Kormorane, aber Ponec beschreibt auch andere lokale Vogelarten. Besonders Reiher, Teichrohrsänger, Drosseln, Stockenten, Fliegenschnäpper und sogar den kleinsten Vogel der Insel – den Schneekönig. Bei seinen Streifzügen über die Insel begegnete er einem Fuchs, einem Reh, einem stämmigen Hirsch, einer Ringelnatter und verschiedenen Froscharten. In den Armen um die Insel, in denen das Fischen erlaubt war, fingen die Fischer so große Hechte wie Baumstämme und sogar, wie auch ein Foto im Buch dokumentiert, kleine Störe. Der Sucher der Kamera des Ornithologen fing auch durchgehende Teppiche aus Löwenzahn, Wucherblumen, blühendem Weißdorn, Viburnum und Berberitzen ein, die von nach Mandeln duftenden Schlingpflanzen – Waldreben –  gesäumt waren.

Das Wasserparadies

Bei einem Menschen, der noch nie die Auwälder besucht hatte oder in der Donau geschwommen ist, mag die Aufzählung von Tieren, Blumen, Sträuchern sowie Bäumen die Vorstellung von einer Idylle erwecken. Aber nur so lange, bis der Ornithologe einen der Aspekte des Lebens an der Donau erwähnt, nämlich die Mücken. Doch selbst die Mücken können Natur- und Wasserliebhaber nicht abschrecken. Davon zeugen die Erfahrungen des Paddlers und Wanderers Walter Malaschitz, der in den 1960er Jahren mit Freunden von der Werft in Vlčie hrdlo aus die Donauinseln und -arme befuhr.

Er dokumentierte seine Zeit im „letzten Paradies an der Donau“, wie er diese Umgebung nannte, mit einer Kamera auf einem schwarz-weißen 8-mm-Film, über die dort festgehaltenen Ereignisse schreibt er auch in seinem Buch Dunajské brehy (Donauufer). Die Filme werden von Liedern untermalt, die an Lagerfeuern mit Ruderfreunden gesungen wurden. Walter Malaschitz ist ein alter Pressburger, er wurde in der Žižkova Straße 28 geboren, in einem Haus, das in der Vergangenheit das Rathaus vom Zuckermandl war. Seine Kindheit verbrachte er im Stadtviertel unter der Burg (Schlossgrund) und in der Nähe der Donau. Im Jahre 1968 emigrierte er nach Kanada, er kehrt aber regelmäßig in seine Heimatstadt zurück. Walter Malaschitz ist jetzt 81 Jahre alt. Er schrieb uns, dass es nur noch zwei Paddler aus seiner Generation gibt.

Malaschitz´ Geschichten liefern sachliche, dokumentarische Fakten über Wanderer und Paddler, zum Beispiel über ihre damalige Ausrüstung. Der Text und das Fotomaterial atmen die ruhige Gelassenheit des Autors, der die Natur schon immer geliebt hat und in ihr mit Gleichgesinnten gerne immer wieder unterwegs war.

Wissen Sie, was „ueska“ ist? Oder ein Tümmler? Ueska (von der Abkürzung U.S. – United States) war der Name einer Tasche, die eine US-Militärtasche imitierte, und sich bei den Wanderern großer Beliebtheit erfreute. Tümmler ist die Bezeichnung eines in Ostdeutschland hergestellten Motors, den die Paddler an ihren Kanus befestigt hatten und den sie bei der Fahrt flussaufwärts verwendet hatten. Leider klingen die Ortsnamen, die die Bootsfahrer den Inseln, Lagern und den Armen rund um die Kormoraninsel gegeben hatten, für unsere Ohren heutzutage ebenso fremd. Der bezaubernde Lenoraj, der romantische Arm der Verlorenen Hoffnung oder der würzig klingende Šmajchl-Arm (Schmeichel-Arm) sind nur einige der Schauplätze für schöne Bootsfahrten und Ausflüge.

Die Ruderfreunde ankerten mehrere Wochen lang im „letzten Paradies an der Donau“. Im Sommer 1962 herrschte eine tropische Hitzewelle, während der die Wasservorräte in den Korbflaschen schnell zur Neige gingen. „Wir mussten eine Lösung finden“, schreibt Walter Malaschitz über einen Moment während eines Urlaubs auf dem Schottercampingplatz gegenüber dem Kormoran. „Laco schlug vor, dass wir zur Sandbank am oberen Ende der Helling gehen und hinter dem Damm ein Loch in den Sand graben, bis das Wasser herauskommt… Nach einem halben Meter Aushub begann das kiesgefilterte Wasser schnell zu fließen. Es hat auch gut geschmeckt und war kalt. Am nächsten Tag war niemand von uns krank vom Wasser, und damit war das Trinkwasserproblem gelöst.“ – Wirklich wie im Paradies!

Die Bootsfahrer verloren 1992 endgültig ihr letztes Paradies, als das Wasser beim Bau des Wasserwerks Gabčíkovo (Bösch) während der Auffüllung des Stausees Hrušov die Inseln überflutete.

In der Gefangenschaft des Schilfs

An der von Radfahrern genutzten Bajdel-Brücke bei Semethdorf (Kalinkovo) unter dem Damm steigen wir aus dem Auto aus. Wir überqueren den Deich und suchen uns in der Nähe des Ufers eine Stelle, an der wir mit einem Schlauchboot zum Wasser kommen können. Schließlich erblicken wir einen Weg, der zu einem Tunnel im Schilf führt. Wir ziehen das Boot hindurch und bleiben dabei im Schlamm stecken, aber wir haben es geschafft. Wir erreichen den Stausee Hrušov und direkt vor uns können wir die Überreste der ehemaligen Kormoraninsel sehen. Vor unserer Expedition zu dem ehemaligen Wasserparadies suchten wir die Inseln auf der Google-Karte.

 

Eine Karte der Donauarme aus dem Jahr 1966.

 

Die Kormoraninsel – zwar nicht eingezeichnet – sieht auf der Karte wie der Halbmond aus, sie misst von einer Ecke zur anderen etwa einen Dreiviertelkilometer. Auf der Webseite der Naturschutzorganisation SOS/BirdLife Slovensko ist in einem Bericht vom 23. Juli 2020 zu lesen, dass die Insel der Kormorane von den Toten auferstanden sei. „Eine Insel, die abgeholzt wurde, mit der man nicht mehr rechnete und die von den Landkarten verschwand. Aber was ist denn passiert? Das flache Wasser der Insel ist jetzt mit Schilf bewachsen, die Sedimentation hat eingesetzt und die Insel liegt wieder über dem Wasserspiegel (zumindest ein Teil der Insel). Außerdem sind die Kormorane wieder da. Noch dazu die selteneren Kormorane, die Zwergscharben. Im Winter nutzen sie die Insel als Nachtlager. Die Rückkehr der Kormoraninsel in die Karten – in der Ausgabe der Karte Nr. 143 des Militär-Kartographischen Institutes VKÚ nach 1992, als sie verschwunden war – ist also gerechtfertigt.“

 

Ausflugsschiff im alten Flussbett der Donau.

 

Der durchgehende Schilfstreifen auf der rechten Seite ist die Stelle, an der sich einst die Kormoraninsel befand.

 

Kormorane mögen umgestürzte Baumstämme.

 

Trotz optimistischer Berichte von Naturschützern und Ornithologen macht der Anblick des schilfbewachsenen Halbmondes den Betrachter nostalgisch und ein wenig traurig. Fröhlichere Gefühle kommen auf, wenn ein gelbgrüner Teppich aus Teichlinsen im sonnenbeschienenen Panorama auf der Wasseroberfläche funkelt und aus den kleinen Inseln, die den Stausee vom alten Flussbett der Donau trennen, Büschel von Seggen, Säulen aus Königskerze und Sträucher mit lila-rosafarbenen Zapfenblüten herausragen. Auch von der ehemaligen Kormoraninsel sind noch einige Bäume zu sehen. Wir fuhren mit dem Boot um den gesamten Schilfgürtel herum, in der Hoffnung, vielleicht eine Stelle zu finden, an der wir in sein Inneres gelangen konnten, aber ohne Erfolg. Das Schilfrohr schützt seine Geheimnisse wie eine mächtige Mauer. Nur ein Mitglied unserer Expedition rühmt sich, dass er soeben einen kleinen Eisvogel, einen leuchtend bunten Vogel, der auch als „Donaukolibri“ bekannt ist, aus dem Schilf fliegen sah. Wir machen noch eine Fotodokumentation der Vegetation auf den kleinen Inseln und kehren zur Brücke Bajdel zurück. Ein paar Dutzend Meter von uns entfernt sitzen schwarze Kormorane auf den Treibholzschwämmen. Wenn wir uns ihnen nähern, fliegen sie in Scharen davon. Die Bootsfahrt im Stausee bot uns auch Einblicke in die Stadt Bratislava. Auf der einen Seite ragt der Fernsehturm vom Gamsberg (Kamzík) in die Ferne, und auf der anderen Seite ist das weiße Gebäude der Galerie Danubiana zu sehen.

Die Heimat von Vögeln

Der Stausee von Hrušov, in dem sich der Rest der Kormoraninsel befindet, ist ein Teil des Vogelschutzgebietes der Donau-Auen, wo jährlich Zehntausende von Vögeln Zuflucht finden. Dieses Gebiet erstreckt sich von Bratislava bis Chľaba (auf Deutsch Hellenbach) und umfasst den gesamten Lauf der Donau, das angrenzende Flusssystem und an einigen Stellen auch Teiche, Sümpfe und Wiesen. „Das Staubecken von Hrušov ist aus naturwissenschaftlicher Sicht umstritten, denn durch seinen Bau wurde das Ökosystem der Donau und das einzigartige Donau-Binnendelta erheblich beeinträchtigt. Mit der Entstehung eines großen Überschwemmungsgebiets wurden jedoch Bedingungen geschaffen, die für einige Vogelarten in der Hinsicht ihres Vorkommnisses interessant sind“, erklärte Ján Gúgh von der Organisation SOS/BirdLife Slovakia der Presseagentur der SR.

 

Die Kormoraninsel mit den Augen eines Künstlers. Štefan Prohászka-Tallós, 1930 – 1935, Ölgemälde. Quelle: SNG, Web umenia.

 

Der Stausee von Hrušov ist das bedeutendste Überwinterungsgebiet für mehrere Wasservogelarten in Mitteleuropa. Mehr als 115 Arten sind hier beobachtet worden. Was ihr Vorkommen angeht, ist der Winter die interessanteste Jahreszeit von allen.

Wie man sieht, haben die Vögel ihr Paradies nicht verloren. Aber was ist mit den Menschen? Das Ruderparadies ist ein paar Dutzend Kilometer weiter südlich in die Donauarme gezogen, und zwar in die Nähe von Vojka und Bodíky.

Ida Bibelová

Fotos: Braňo Bibel

Übersetzung: Melinda Rácz

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