Die Juden von Bratislava: Erinnerungen eines (damaligen) Kindes. Teil 1: Ein Staat mit schlechtem Gewissen

Geschichte
4. September 2022

In diesem ersten Artikel möchte ich erzählen, wie die sozialistische Tschechoslowakei umging mit der Erinnerung an den Holocaust: Was wir erfuhren als Kinder und was uns verschwiegen wurde.

Neologische Synagoge und Schloßgrund um 1900. (Quelle: Sammlung J. Horváth)

 

Bratislava sähe heute anders aus, wäre es nicht zu den großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts gekommen. Eine florierende jüdische Gemeinde würde das kulturelle, gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben mitgestalten. Unter der Burg fände sich weiterhin die Synagoge und das jüdische Stadtviertel, wahrscheinlich renoviert, wahrscheinlich ein Magnet für Besucher aus aller Welt. Aber die Juden wurden ermordet und ihr Stadtviertel von der sozialistischen Regierung abgerissen. Weil es die alten Straßen, die kleinen Läden nicht mehr gibt, möchte ich zumindest an die Geschichte der Pressburger Juden erinnern.

 

Pressburg – Pozsony – Bratislava: drei Namen einer Stadt

Ich wurde 1957 in Pressburg geboren. In dieser schönen und historisch bedeutenden Stadt an der Donau bin ich aufgewachsen und habe hier bis zu meinem 23. Lebensjahr gewohnt. Wir aus den alten Familien der Stadt hatten meist deutsche Namen, auch wenn wir eher Ungarisch sprachen. Pressburg war, unter dem Namen Pozsony, 200 Jahre lang die Krönungsstadt ungarischer Könige. Aber das war bereits Vergangenheit, als ich zur Welt kam in der Post-Stalin-Ära. Die deutsch-ungarische Geschichte spielte keine Rolle mehr, die Stadt trug jetzt nur noch ihren slowakischen Namen: Bratislava.

Laden in der Judengasse/heutige Židovská ulica. (Quelle: Sammlung J. Horváth)

 

Eine große Gemeinde verschwindet

In Pressburg-Pozsony-Bratislava wohnten 1930 bis zu 15.000 Juden, etwa 12 % der Stadtbevölkerung. In der ganzen Slowakei gab es über 135.000; sie machten über 4 % der Einwohner des Landes aus.

In einer Volkszählung im Jahr 1950 bezeichneten sich nur 0,4 % der Bevölkerung von Bratislava als jüdisch. Wir alle wissen, was dazwischen passiert ist.

Bereits 1941 begann in der Slowakei die systematische Massendeportation von Juden – damit war dieser Staat unter den ersten, die Hitlers Mordpläne in die Tat umsetzten. Etwa 70.000 der slowakischen Juden kamen im Holocaust um. Im slowakischen Staat der Kriegszeit, einem Satellitenstaat des Dritten Reiches mit einem katholischen Priester namens Jozef Tiso als Präsident, galten Juden als „Erzfeinde des slowakischen Staates und Volkes“, wie Hlinkas Slowakische Volkspartei es formulierte.

Und nach dem Krieg? Es gab kaum noch Juden in der einst so jüdisch geprägten Stadt an der Donau. Jene wenigen, die überlebt haben, hatten es nach der Rückkehr nicht leicht und waren in vielen Fällen gar nicht willkommen. Denn in der Zwischenzeit hatten sich andere, in Bratislava etwa viele ethnische Slowaken, ihr Eigentum unter den Nagel gerissen und waren in ihre Häuser und Wohnungen eingezogen. Und niemand gibt gerne etwas zurück.

 

Schulhof um 1910. (Quelle: Sammlung J. Horváth)

 

Jüdische Nachbarn: Abgeholt oder weggezogen

Ich hatte das Glück, aus einer Familie der Bildungsschicht zu stammen, aber über das Judentum ist bei mir aus dieser Zeit nicht viel hängen geblieben. Ich fragte meine Eltern und Großeltern aus und erfuhr, dass unsere Nachbarn Freud hießen, 1944 abgeholt wurden und nie wiederkehrten. Meinem Opa Leopold Altdorffer, er war Anwalt, haben sie Gold und einige Schätze anvertraut, wie es auch andere Familien taten. Da niemand von den Freuds überlebt hat, brachte Großvater die Wertsachen nach dem Krieg in die Synagoge und übergab sie dem Rabbi. Nur zwei Häuser weiter, daran kann ich mich erinnern, lebte noch Ende der 1950er oder Anfang der 1960er eine jüdische Familie, die später nach Palästina ausgewandert ist. Man redete darüber, aber als Kind verstand ich das Wort Palästina ebenso wenig wie „Jude“.

Postkarte aus dem Archiv meines Großvaters Dr. Leopold Altdorffer. (Quelle: Sammlung P. Janoviček)

 

Ein verlegenes Schweigen

Es ist kaum zu erklären: In den sozialistischen Schulen sprachen die Lehrer ausführlich über das Hitler-Regime. In den sozialistischen Zeitungen las man regelmäßig Propaganda gegen den faschistischen Westen, alles alte Nazis. Aber das historische Judentum und zum Teil der Holocaust waren geradezu Tabuthemen. Erst nach und nach, als ich schon erwachsen war und mich das Thema Judentum zu interessieren begann, erfuhr ich, was damals geschah und verschwiegen wurde. Heute glaube ich, man schwieg wegen eines schlechten Gewissens.

Denn zweierlei lernten wir in der Schule nicht: Dass es nicht etwa deutsche Nazis waren, die in der Slowakei die Juden abholten, sondern die slowakische Regierung der Kriegsjahre die Juden abtransportieren ließ und ihren Besitz beschlagnahmte. Und, dass das neue sozialistische Regime diesen Besitz nicht etwa zurückgab, sondern einbehielt.

Schlosstreppe um 1910. (Quelle: Sammlung J. Horváth)

 

Kein Denkmal

Ich kann mich an das alte jüdische Viertel von Bratislava noch erinnern. Es waren verkommene Straßen mit verstaubten Läden, die größtenteils nur geschlossen waren, eine Gegend, aus der auf jedem Quadratzentimeter der Hauch alter Zeiten herüberwehte, den ich aber nicht verstand.

Als ich 10 Jahre alt war, riss man die alte Synagoge und das ganze Viertel ab. Man erzählte uns, es handle sich um dringend erforderliche Modernisierung der Stadt auf dem Weg in eine glückliche noch sozialistischere Zukunft. Rückblickend war es ein faszinierendes Stadtviertel, das durch den realen Sozialismus restlos zerstört wurde. Weg waren die Häuser der vielen abgeholten Nachbarn. Man riss ein Stadtviertel ab; man vernichtete das größte sichtbare Zeichen eines schlechten Gewissens.

Es dauerte lange, bis die Slowakei sich auseinandersetzte mit der Vergangenheit. Die Generation, die in den Kriegsjahren den Nazis geholfen oder zugesehen hatte, schwieg. Das sozialistische Regime schwieg. Noch, als der Ostblock zerbrach, wurde geschwiegen. Erst 1996 wurde die erste Holocaust-Gedenkstätte der Slowakei eröffnet.

So weit der erste Teil. In einem zweiten Artikel werde ich erzählen, welche Fragen ich als Kind stellte über das Judentum und was ich als Erwachsener endlich lernte.

 

Robert Hofrichter

 

Redaktion: Peter Janoviček

Lektorat: Christina Widmann

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