Die erste Telefonzentrale in Pressburg

Geschichte
2. April 2019

„…die Telefonleitungen sollen symmetrisch geleitet werden und sie sollen das Straßenbild nicht hässlich machen.“ Diese Bedingung war in der Konzession des Ministeriums für öffentliche Arbeiten und Verkehr zu lesen, durch die im Jahre 1883 Karl Kragl die Erlaubnis erteilt wurde, in Pressburg das Telefonnetz einzurichten.

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In Pressburg wurde das Telefon zum ersten Mal am 15.12.1877 öffentlich vorgeführt – schon anderthalb Jahre nach seiner Erfindung durch A. G. Bell. Da die ungarischen Ämter, trotz der erfolgreichen Vorführung, die praktische epochale Bedeutung des Gerätes nicht erkannt haben, haben sich der Einrichtung des Telefonnetzes nur einige Enthusiasten gewidmet. Unter ihnen die Gebrüder Puskás, die im Jahre 1881 in Budapest und in Temesvár die ersten Telefonnetze in Ungarn eingerichtet haben. (Übrigens, Tibor Puskás installierte auch ein Wandtelefon beim Erzherzog Friedrich im Grassalkovich-Palais. Die Leitung führte aus seinem Büro in den Stall und es war das erste Telefon auf dem Territorium von Pressburg.)

 

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Dann kam der gebürtige Pressburger Karl Kragl. Bei der Durchsetzung seiner Telefonnetz-Pläne musste er jedoch mit einigen Problemen fertig werden. Zuerst musste er die Bewohner der Pressburger Häuser, die keine Konsolen und Dachträger auf ihren Häusern haben wollten, überzeugen. Um sie auf seine Seite zu gewinnen, hat er für sie große Essen vorbereitet, wo sie bei Wein einfacher zu überzeugen waren. Für die Telefonapparate hat er auch eine elegante Lösung gefunden. Um Geld zu sparen, ließ er sein eigenes Gerät der Bauart Edison-Kragl-Lang patentieren. Er musste auch mit der allgemeinen Skepsis bezüglich der Nützlichkeit dieser Errungenschaft fertig werden. Obwohl er oft in der Pressburger Zeitung inserierte und auch persönlich unter den Unternehmern Werbung machte, am Anfang ist es ihm gelungen nur 12 Abonnenten (unter ihnen könnten wir auch bekannte Leute und Adressen finden: den Winzer Palugyay, den Müller Ludwig, den Bürstenbinder Grueneberg, die Brauerei von Stein, die Dynamit- oder die Patronenfabrik) zu überzeugen. Kragl war aber nicht zu stoppen und so eröffnete er am 15.6.1884 die erste Telefonzentrale nicht nur in Pressburg, sondern auch in der gesamten Slowakei. Sie befand sich im ersten Stock eines aus dem 18. Jahrhundert stammenden Gebäudes (Ecke König Ludwig-Platz und Schöndorfer Gasse, ganz rechts). Während der Winterzeit war sie von 8:00 bis 19:00 Uhr, im Sommer zwei Stunden länger, in Betrieb.

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Das Telefon hat sich natürlich durchgesetzt, die Zahl der Benutzer ist erfreulich gestiegen und im Jahre 1893 wurde Pressburg Teil des ersten Fernsprechnetzes in Ungarn (neben Arad, Györ, Szeged und Budapest). Die Stadt hat damals die Telefonzentrale von Kragl abgekauft und Kragl hat sich in sein Arbeitszimmer in der Pazmány Straße (Prepoštská ulica) zurückgezogen. Er starb im Alter von 91 Jahren und wurde auf dem Andreas-Friedhof beigesetzt. Das Gebäude der ersten Telefonzentrale wurde später um ein Stockwerk erhöht, es verfiel nach und nach, bis es durch eine Nachbildung ersetzt werden musste (2001-2002, Josef Struhař). Und ganz bestimmt gibt es auch den kleinen weißen Hund nicht mehr, der nachdenklich in Richtung Schöndorfer Gasse schaut. Seit 1899 fuhr da die Straßenbahn (Liniea C), deren offene Plattform ganz links zu sehen ist.

Ján Vyhnánek

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