Originale Deckengemälde aus dem historischen Gebäude des Slowakischen Nationaltheaters in Bratislava wurden gefunden

Geschichte
29. Mai 2024

Im Sommer letzten Jahres kontaktierte mich –  auf Empfehlung von Prof. PhDr. Juraj Šedivý, PhD. – Frau Mgr. Jana Laslavíková, PhD. vom Institut für Geschichte der Slowakischen Akademie der Wissenschaften per E-Mail. Dieses Institut befasst sich mit der Geschichte des Slowakischen Nationaltheaters in Bratislava (SND, ehemals Stadttheater). Die Wissenschaftlerin entdeckte während ihrer Forschungsarbeit mit ihren Mitarbeitern in den Sammlungen der Stadtgalerie von Bratislava originale Deckengemälde aus dem historischen Gebäude des Slowakischen Nationaltheaters. Von ihrer Existenz oder von dem Zeitpunkt ihrer Entfernung hatten sie keine vorherige Kenntnis.

An mehreren Stellen in der zeitgenössischen Presse traf sie auf den Namen Dr. Ladislav Aixinger (Onkel meines Vaters mütterlicherseits), der 1936 auf Margo der Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag der Gründung des Stadttheaters in Bratislava die Eliminierung der Büsten ungarischer und deutscher Persönlichkeiten – die die Fassade des Gebäudes verzierten – kritisierte. Jana Laslavíková wollte herausfinden, ob im Nachlass von Ladislav Aixinger schriftliche oder fotografische Dokumente darüber erhalten waren, wann die oben erwähnten Gemälde von der Decke des Theaters entfernt wurden. Leider musste ich sie enttäuschen. Die Begründung: der historische Kataklysmus nach dem Zweiten Weltkrieg soll die Kontinuität dieses Zweiges der Familie in Bratislava unterbrochen haben. (Im Familiengedächtnis schwang immer wieder nach, hätte Ladislav Aixinger 1944 nicht die Vorsehung Gottes gerufen, hätte er das gleiche Schicksal wie János Esterházy erleiden müssen.)

Die Forschung wurde fortgesetzt. Jana Laslavíková berichtete über ihre Ergebnisse in dem Artikel Mysleli, že sú stratené (Man glaubte es, sie seien verloren), der 2022 in der Novemberausgabe der Zeitschrift Historická revue erschien. (Auf den Artikel wurde ich von Gábor Schuster, dem Ehemann einer Enkelin von Ladislav Aixinger, aufmerksam gemacht.) Die Gemälde wurden im Sommer 1938 von der Decke des Zuschauerraums entfernt, als der hängende Kronleuchter im Saal repariert wurde und dafür ein Gerüst errichtet werden musste. Bei der Renovierung im Jahr 1950 waren (laut Beschreibungen) nur noch weiße Stuckverzierungen an der Decke sichtbar.

Kehren wir nun für einen Moment in die Vergangenheit zurück, als das Theater gegründet wurde. Die Pforten des Stadttheaters in Pressburg wurden am 22. September 1886 mit Franz Erkels Oper Bánk bán (Banus Bánk) eröffnet. Die Budapester Sonntagszeitung (Vasárnapi Újság) veröffentlichte in ihrer 39. Ausgabe vom 26. September 1886 den Prolog Lidércfények (Irrlichter) von Mór Jókai. Der berühmte Schriftsteller verfasste ihn zu diesem Anlass, den er mit seiner persönlichen Anwesenheit ehrte. Nach dem Erklingen des Prologs wurde dem in der Ehrenloge sitzenden Schriftsteller ein silberner Lorbeerkranz auf einem blauen Seidenkissen mit der Inschrift überreicht: „Dem Autor der Irrlichter als Zeichen des Respekts anlässlich der feierlichen Eröffnung des neuen Theaters der Stadt Pressburg.“

In einem Artikel mit dem Titel „Das Theater in Pressburg“, der in der 42. Ausgabe der Zeitung vom 17. Oktober 1886 erschien, beschreibt Sándor Adorján kurz die Umstände der Entstehung und des Baus des Theaters, das er zu den bedeutendsten Theatergebäuden seiner Zeit zählt. Er hebt unter anderem hervor, wie sich das Gebäude des „Theaters“ schön in die Umgebung des imposanten Platzes einfügt. Entsprechend den Anforderungen der Zeit achteten die Architekten konsequent auf den Brandschutz, so projektierten sie mit großem baulichen Erfindungsreichtum Vorder- und Seitentreppen, mit denen sie für die schnellstmögliche Evakuierung des Gebäudes sorgten. „Das weiß-goldene Dekor harmoniert mit dem roten Samt der Sitze und Polster…“ Zu der zeitgenössischen Charakteristik gehört auch eine kritische Beobachtung: „…nur die Grundfarbe der Deckenfresken ist falsch gewählt, die so dunkel ist, dass die Figuren kaum zu erkennen sind.“

Die Deckengemälde in reich vergoldeten Rahmen, die Szenen aus ungarischen Theaterstücken wie Csongor und Tünde, Banus Bánk, László Hunyadi oder Die alten Magyaren darstellen, wurden von Willibald Leo von Lütgendorff-Leinburg geschaffen. Der erste von ihnen verewigt Csongor in dem Moment, in dem er aufwacht und Tünde sieht. Die Szene aus der Oper Banus Bánk schildert einen tragischen Moment: Bánk ist Augenzeuge, wie Otto Melinda nachdrücklich erobert. Auf dem dritten Gemälde bittet Maria Gara, die heimlich zu dem inhaftierten Ladislaus gelangt, ihren Vater um Gnade, der sie jedoch abweist. Das vierte Gemälde stellt durch einen zeitgenössischen Sänger das Leben und die heroische Vergangenheit der alten Magyaren dar.

Quelle: Stadtgalerie Bratislava, Foto © Archiv der Stadtgalerie Bratislava

An den Eröffnungsvorstellungen, die fünf Tage lang dauerten, nahmen 150 Mitglieder des Opernhauses und 48 Mitglieder des Nationaltheaters in Budapest als Mitwirkende teil. Sie trafen „zusammen mit dem notwendigen Beamtenapparat und der Dienerschaft“ in Pressburg ein. Es handelte sich um 30 Orchestermitglieder, 48 Choristen und 36 Tänzer. Dank des Intendanten, Graf Istvan Keglevich, traten alle ohne einen Anspruch auf Honorar auf. Es wurden nur die Gemeinkosten bezahlt: Solisten erhielten 5 Forint, Orchester- und Chormitglieder 3 Forint pro Tag. Während der Eröffnungsvorstellung wurde das Orchester vom künstlerischen Leiter der Budapester Oper, Sándor Erkel, dirigiert.

Aber kehren wir erneut zu den Deckengemälden zurück, die das Thema dieses Artikels sind. Laut Jana Laslavíková berichtete die damalige Presse, dass der ursprüngliche Kronleuchter im Jahr 1937 entfernt und ein Wettbewerb für die Gestaltung einer neuen Beleuchtung im Zuschauerraum, im Foyer und in den Treppenhäusern ausgeschrieben wurde. Den Zuschlag erhielt die Firma des führenden tschechischen Kunsthandwerkers Franta Anýž. Der soll alle persönlich versichert haben, dass der neue Kronleuchter für eine ausreichende Beleuchtung der Deckengemälde sorgen wird. Die neue Beleuchtung wurde im Sommer 1938 in Betrieb genommen, aber leider wurden die Gemälde nicht mehr erwähnt. Laut Jana Laslavíková wurden sie zu der Zeit entfernt, als ein Gerüst gebaut wurde, um den alten Kronleuchter zu demontieren und den neuen zu installieren. Ein möglicher Grund für die Entfernung der Deckengemälde könnte ihr ungarisches Erbe oder das Bemühen gewesen sein, sie in einer schwierigen sozialen Situation zu schützen.

Während des Krieges wurden nur geringfügige Eingriffe und Reparaturen im Inneren des Theaters vorgenommen: 1939 vergrößerte man die Präsidentenloge, 1943 wurde im Foyer ein neues Büro für die Deutsche Theatergruppe errichtet. Im Jahre 1947 veranlasste die Stadt kleinere Reparaturen am Gebäude, indem sie die Fassade renovieren und neu streichen ließ. Einer umfassenden Innenrenovierung wurde das Gebäude erst 1950 – anlässlich des 30-jährigen Jubiläums des Slowakischen Nationaltheaters – unterzogen. Die Sitze wurden ausgetauscht, die Balkone repariert und die Decke neu gestrichen.

Wie aus dem Artikel der Zeitschrift Historická revue hervorgeht, verzeichnete die Dokumentation zu dieser Zeit nur Stuckdeckendekorationen – die Gemälde wurden nicht erwähnt. Die bis dahin als verschollen oder zerstört geltenden Lütgendorff-Leinburg-Gemälde wurden 2021 von Mitarbeitern der Stadtgalerie von Bratislava in einem ihrer Außendepots entdeckt. Nach einer Rücksprache mit Experten konnte zunächst nur eine der vier großformatigen Leinwände (3 x 3,5 m) bestimmt werden. Alle vier Gemälde wurden erst im Mai 2022 identifiziert, da die jahrzehntelang aufgerollten Leinwände nur von Fachleuten und Restauratoren berührt und sichtbar gemacht werden konnten. Anschließend wurden sie fotografiert, den Vorschriften entsprechend auf einen Zylinder gewickelt und sicher aufbewahrt. Die Gemälde befinden sich in einem eher schlechten Zustand und sind daher restaurierungsbedürftig.

Zum Schluss können wir uns nur der Meinung der Autorin dieses Artikel anschließen. Obwohl in der Vergangenheit viele der ursprünglichen Dekorationselemente aus politischen Gründen aus dem Theater entfernt wurden, dokumentieren sie dennoch die zeitgenössischen Ideen der Stadt und ihrer Elite, und daher liegt es im Interesse von uns allen, dieses Erbe zu bewahren. Es bleibt nur noch zu hoffen, dass die Gemälde von Lütgendorff-Leinburg, die ungarische Bezüge tragen, nach der Restaurierung präsentiert oder an einen würdigen Ort gestellt werden.

Mária Bertha Orbán

Übersetzung: Melinda Rácz

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