„Mein Pressburg“ von Josef Wallner. Teil 6: Der versteckte Liszt und die stillen Gassen Pressburgs

Unser Pressburg
26. April 2023

Der Kaffee am Domplatz ist ausgetrunken und schön langsam wird’s Zeit für mein Lieblingsviertel in der Altstadt, die Pfarrgasse (Farská), die Probstgasse (auch Pázmánygasse, Prepoštská), die Klarissengasse (Klariská) und die Kapitelgasse (Kapitulská).

 

Franz Liszt (1811 – 1886)

Man könnte das Grätzel auch Domviertel nennen und kirchlichen Zwecken dienen heute noch viele der Gebäude. Am Dom würde ich jetzt am liebsten vorbeihuschen, die kleine Treppe hinauf, vorbei am Liszt-Denkmal, auf das man in der Stadt scheinbar vergessen hat. Vielleicht weil Franz Liszt sich selbst als Magyare bezeichnet hat? Obwohl er erst sehr spät in seinem Leben Ungarisch gelernt hat… Aber er stammte noch aus einer Zeit, in der der nationalstaatliche Gedanke noch nicht vollkommen von Denken und Fühlen des Mitteleuropäers Besitz ergriffen hat. Man konnte sich, so wie Liszt, als Magyare fühlen, ohne Ungarisch zu beherrschen. (Am liebsten wäre er vielleicht Franzose gewesen.)

Vor über hundert Jahren, 1911, wurde Liszts Denkmal vom Kirchenmusikverein Pressburg der Stadt übergeben. Die Büste hat ein großer Pressburger, Viktor Tilgner, geschaffen. Liszt war bekannterweise kein Pressburger, aber dieser Stadt eng verbunden, in der 1820 „sein Schicksal als Musiker entschieden worden ist“, wie er selbst sagte. Er war damals neun Jahre alt. Das Jugendstilgitter trägt die letzten Takte des Benediktus aus seiner Krönungsmesse.

Konzert von Franz Liszt in Pressburg, am 19. Dezember 1839

Das Denkmal des großen Liszt übersehen die meisten Touristen, denn der prominente Standort auf dem Domplatz gehört Anton Bernolàk, Geistlicher und Förderer der slowakischen Schriftsprache. Den Namen hat der Platz wiederum von einem anderen Geistlichen: Alexander Rudnay, dem ersten Slowaken mit Kardinalshut. Wenigstens ein Nicht-Kleriker hat auf dem Domplatz auch sein Denkmal. Es ist Georg Raphael Donner, der Wiener in Diensten der pressburgischen Esterházy.

Donners Pressburger Hauptwerk ist die Reiterstatue des Heiligen Martin im Dom, „ein Meisterwerk des Künstlers“, wie es in einem von der Ersten k. k. priv. Donau-Dampfschiffahrtsgesellschaft herausgegebenen Reiseführer 1918 hieß. „Die Feinheit der Komposition im Halbdunkel schwer erkennbar.“ Wie wahr. Ehrlich gesagt war ich fast ein wenig enttäuscht, nachdem ich Donners Werk in Natura gesehen hatte. Mittlerweile finde ich das Martins-Denkmal grandios, ich musste mir eben Zeit nehmen, es genau zu betrachten, so wie die Elomosynariuskapelle, deren Gesamtkomposition ebenfalls Donner geschaffen hat: „Vorzüglicher dekorativer Barockportalbau mit Konsolen, Korbbogen und reicher farbiger Stukkodraperie mit Putti“, weiß der Autor meines hundert Jahre alten Reiseführers.

Man müsste sich halt öfter Muße nehmen und den Kunstwerken die Chance geben, sie näher kennen zu lernen. Im Pressburger Dom kann man das tun. Nur ist ein Obolus für seine Besichtigung zu entrichten. Bei Hochzeiten hat man draußen zu bleiben. Und Hochzeiten gibt es viele in Pressburg, nicht nur im Martinsdom, dessen golden glänzende Stephanskrone auf der Turmspitze bis heute daran erinnert, dass hier viele ungarische Könige und Königinnen gekrönt wurden. Beachtliche acht Kilogramm Gold wurden für Krone und Kissen verarbeitet. (Ein Beitrag in der Rubrik: Was sich nicht zu wissen lohnt.) Nachdem das Prachtstück angebracht worden war, fanden allerdings keine ungarischen Königskrönungen mehr im Dom statt. Franz Josef und Elisabeth wurden in der Ofener (Budaer) Matthiaskirche gekrönt, Karl und Zita auch. Dass die Könige nach Budapest zogen, erscheint logisch, aber warum wurde das Chorgestühl des Pressburger Doms ins Wiener Palais Kinsky gebracht und dient dort im Speisesaal als Wandvertäfelung? Ich gebe zu, ich habe es nicht herausgefunden.

Samstagnachmittag scheint die Pressburger Innenstadt die Bühne für eine einzige große Hochzeitsgesellschaft zu sein. Gleich, ob im Dom, der Kapuzinerkirche, der Dreifaltigkeits-, Jesuiten- oder Franziskanerkirche, überall werden hoffentlich glückliche Bräute zum Altar geführt, oft sekundiert von einer wahrhaft illustren Gästeschar. Die Slowakinnen, wie die meisten Slawinnen, bevorzugen bei solchen Gelegenheiten einen sehr opulenten Bekleidungsstil. Bei den Männern ab vierzig aufwärts scheinen eher die auch in modischen Belangen unseligen kommunistischen Zeiten noch nachzuwirken.

Mich freut es heute nicht, in den Dom zu schauen. Lieber spaziere ich rund um den Domplatz. Ich mag das Ensemble mit dem großen Baum und den beiden alten Laternen, auch hier wurde vor Kurzem restauriert. Für meinen Geschmack sogar ein wenig zu viel.

Wie groß diese Kirche ist! Früher ist mir das gar nicht aufgefallen, der Turm ja, der springt ins Auge, aber das gotische Schiff fesselt mich mittlerweile weit mehr als der Turmaufbau aus dem 19. Jahrhundert, als man auch den Innenraum „leider vollkommen stilrein restauriert“ hat, wie mein alter Reiseführer moniert. Ja, niemandem kann man es recht machen. Ein paar Jahrzehnte zuvor war man noch stolz auf die stilreine Neogotik.

Das Pressburger Kirchenschiff erinnert mich an die Hermannstädter Kirche und die Schwarze Kirche von Kronstadt (Brașov-Brasso), beide in Siebenbürgen und damit auch in Altungarn gelegen. Ob daher meine Assoziation stammt? Wahrscheinlich nicht. Eher verbindet die Kirchen die Tradition der deutschen Gotik, schließlich waren Hermannstadt, Kronstadt und Pressburg damals hauptsächlich deutsch. Und jetzt stehen die Kirchen in Rumänien und der Slowakei. So ist das bei uns in Mitteleuropa. Auf den Turm, Sie wissen, der mit der goldenen Krone, muss ich noch einmal zurückkommen: Die Pressburger bauten ihn einst, wahrscheinlich klugerweise, in ihre Stadtbefestigung ein. Er lag damit streng genommen außerhalb der Stadt, was die Wiener später spotten ließ, der Pressburger Pfarrer müsse die Stadt verlassen, um sich für die Messe anzuziehen.

Zeit für ein Glas Wein? Warum nicht. Es geht schon fast als Sundowner durch. Ich sitz vor der Weinstube Pinot im hintersten Winkel des Domplatzes. Hier ist es still und an einem lauen Abend auch romantisch, wenn die Flammen der Kerzen auf den Tischen sich hartnäckig dagegen sträuben, durch den vom Dach des Domes herabwehenden Wind ausgelöscht zu werden. Es ist eines der Lokale, für die ich diese Stadt liebe. In diesen stillen Gassen und Winkeln der Altstadt beim Dom oder drüben, rechts vom Michaelertor in der Schlossergasse (Zámočnícka) oder der Franziskanergasse (Františkánska), sind es nicht die schicken Bars und Cafés, sondern die dunklen Beisln, Studentenlokale mit Wein- und Bierausschank, die mich fast sentimental werden lassen, gar nicht so sehr in Erinnerung an die eigene Jugend, als ich – als Student der Wirtschaft – vielleicht noch eher auf der schicken Seite zu finden war, sondern an die Bilder, Filme und Romane aus den späten Sechzigern, auch oder vor allem die aus Prag, wo in dunklen, krummen Gassen hinter dicken Mauern diskutiert, gesoffen, geraucht und geliebt und von einem freien Leben geträumt wurde. Die buckligen Pressburger Altstadtgassen führen geradewegs in diese Zeit. (Leider hat die Weinstube inzwischen ihre Pforten geschlossen.)

Aber noch ist es zu früh für die dunklen Gassen. Ich gehe langsam die Kapitelgasse hinauf, hinüber in die Klarissengasse (Klariská), vor bis zur Breiten Stiege (Široké schody). Wie oft bin ich hier schon gegangen und noch immer habe ich es nicht geschafft, durch diese Straßen zu eilen. Noch immer fesseln mich die Sichtachsen durch die schmalen Gassen hinauf zum Schloss so, dass ich stehen bleiben muss, ich trau mir, es innehalten zu nennen, und diesen Blick zu genießen. Was für ein Ensemble! (Nur der Wiederaufbau des Esterházy-Palais in der Kapitelgasse könnte schneller voran schreiten.) Wenn Sie die Gelegenheit haben, schauen Sie auch in die Höfe der alten Häuser, Sie werden so manches Kleinod entdecken.

Klarissengasse

Hier, im Windschatten des großen Touristenstroms darf das Pflaster buckelig sein, genauso wie es vor weniger Jahren noch in der Basteigasse (Baštová), eine der stimmungsvollen Gassen der Stadt, war. Es machte so einen Buckel, dass sich am linken und rechten Rand Wasserrinnen bilden konnten, die allen Unrat davonschwemmten. Die Basteigasse hieß auch Henkergassl oder Zwingergasse. Das Haus des Pressburger Scharfrichters hatte sich noch bis zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert erhalten.

Am Ende der Basteigasse muss ich mich entscheiden: Gehe ich rechts hinunter in die Michaelergasse (Michalská) und über die Sattlergasse (Sedlárska) oder über die Venturgasse (Ventúrska) zurück zur Herrengasse? Beides reizt mich nicht besonders, obwohl diese Gassen unbestreitbar zu den prächtigsten der Altstadt zählen. Aber es sind mir nach wie vor noch zu viele Leute auf dem einstigen Corso unterwegs. Und von den schönen Bürgerhäusern und Palais sieht man das Dreivierteljahr auch nicht viel, denn ein Schanigarten reiht sich an den nächsten, dazwischen die auf Alt-Pressburg getrimmte Konditorei Kormuth mit den frisch aufgemalten Wappen der Kronländer am Plafond. Den Ungarn hätte das annodazumal nicht gefallen. Mittlerweile gibt es zwischen den Gastronomiebetrieben unterschiedlicher Qualität und den unvermeidlichen Souvenirshops das eine oder andere interessante Geschäft, avantgardistische Mode und so.

Klarissengasse von damals

Von einem Klein-Wien oder gar Klein-Berlin ist Pressburg diesbezüglich noch etwas entfernt, aber es tut sich was in der Stadt. Eine junge Einzelhandelsszene hat sich in der Lorenzertorgasse (Laurinská ulica), die lange Zeit gemeinsam mit der Herrengasse Lange Gasse hieß, bis hinunter zum Marktplatz etabliert und auch in der Josefstadt, in den Straßen und Gassen zwischen der Štúrova ulica (Štúrgasse, früher Baross Gábor-Straße) und der Oper habe ich das eine oder andere, neudeutsch sollte ich jetzt wohl Teil sagen, erstanden. Die Stadt hat auch eine beachtenswerte Barista-Szene.

 

Josef Wallner

Bilder und Fotos: Josef Wallner und Norbert Eisner, Archiv von Pressburger Kipferln

Redaktion: Peter Janoviček

 

Der Artikel wurde ursprünglich in dem Buch „Unterwegs in Altösterreich – Kakanische Reisen von Siebenbürgen bis Triest“ (Verlag Berger, 2020), von Josef Wallner veröffentlicht.

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