„Mein Pressburg“ von Josef Wallner. Teil 13: Am Schlossgrund

Ich sitze in der Kapuzinerstraße vor einem Café bei einem kleinen Schwarzen zum Kipferl, eine Zigarette wär mir noch lieber, aber diese Zeiten sind vorbei. Genuss ohne schlechtes Gewissen bietet das wunderbare Licht, in das die hinter den Kleinen Karpaten langsam verschwindende Sonne die Kapuzinerkirche taucht.

St. Stephanskirche mit Kapuzinerkloster

Die mitteleuropäischen Kirchen der Kapuziner gleichen einander wie Geschwister. Der barocken Pressburger Version hat Ignaz Feigler jun. 1860 eine neogotische Fassade verpasst. Im gleichen Stil erbaute er die Kirche auf dem evangelischen Friedhof beim Gaistor. Kein Exemplar dieser Tiergattung, sondern ein Hirsch sticht mir jetzt ins Auge. Man sieht ihn oft an Pressburgs Häusern, immer in Kombination mit einem Wagenrad. Es ist das Wappen der Gespanschaft (des Komitats) Pressburg. Dieses geht auf das Wappen der Pálffy zurück, der Erbobergespane des Pressburger Komitats, erbliche Schlosshauptmänner und Grafen von Pressburg. Dreiberg, die wichtigsten oberungarischen (slowakischen) Gebirge symbolisierend, Hirsch und Rad können Sie nicht nur auf Pressburger Häusern und Palais entdecken, sondern unter anderem auch am Palais Pálffy am Wiener Josefsplatz. In Pressburg und Umgebung werden Sie aber besonders häufig fündig. Allein in der Stadt gibt es fünf Paläste, die einst den Pálffy gehörten.

Grabstätte der Pressburger Baumeisterfamilie Feigler auf dem Andreasfriedhof

Die Kapuzinerstraße geht über in die Schlossstraße (Zámocká), neben dem Palisadenweg (Palisády) meine bevorzugte Route hinauf zum Schloss. Auch hier besaßen die Pálffy einst ein prächtiges Palais mit berühmten Gärten. Geblieben sind davon lediglich ein langgezogener Teil des Gartentrakts, der für verschiedene Veranstaltungen genützt wird, und eine bildliche Rekonstruktion der Gärten an der Fassade. Die Schlossstraße zählte, Sie erinnern sich vielleicht, über Jahrhunderte zum jüdischen Viertel der Stadt. 1599 gestatten die Pálffy den Juden, sich unterhalb der Pressburger Burg anzusiedeln. Einige Jahrzehnte vorher hatte die jüdische Bevölkerung nach der Schlacht von Mohács aus Angst um Leib und Leben, Hab und Gut Pressburg verlassen. Eine Rückkehr wurde den Juden auf Druck der Pressburger Bevölkerung nicht gestattet. Dieses Verbot wurde erst 1848 aufgehoben.

Synagoge in der Schlossstraße

Das jüdische Zentrum der Stadt lag daher traditionellerweise am Schlossgrund, in der Schlossgasse und der von ihr abzweigenden Judengasse (oder Schlossgrundgasse, Židovská). Viel ist von ihr nicht geblieben, so wie vom Rest des Schlossgrunds. Die Kommunisten haben, es sei noch einmal erwähnt, mit der völligen Umgestaltung des seit dem großen Brand zu Beginn des Jahrhunderts heruntergekommenen Viertels Pressburg ein bleibendes Geschenk gemacht. An das reiche jüdische Pressburger Leben und auch das in anderen Städten des ehemaligen Oberungarns wie Senitz-Senica wird im jüdischen Museum in der Zsigray-Kurie (Židovská 17) erinnert. Bis zur Verfolgung durch den slowakischen Vasallenstaat des Deutschen Reichs und die Nazis lebten in Pressburg rund 15.000 Juden. Sie stellten damit ungefähr zehn Prozent aller Pressburgerinnen und Pressburger. Nur wenige von ihnen konnten nach dem Krieg in ihre Heimatstadt zurückkehren, so wie Selma Steiner, deren Geschichte ich Ihnen schon in der Venturgasse erzählt habe.

Schlossgrundgasse

Zwei Jahrhunderte vor dem Naziterror galt die Stadt an der Donau, oder besser gesagt das Ghetto am Schlossgrund, als ein Zentrum des Judentums in Europa, zunächst als Handels- und Finanzplatz, später, im 19. Jahrhundert, als genius loci, was vor allem mit dem aus Frankfurt/Main stammenden Oberrabbiner Chatam Sofer (Mosche Schreiber) und seinen ebenfalls als Oberrabbiner fungierenden Nachkommen zu tun hatte. Pressburg erwarb sich den Beinamen ungarisches Jerusalem. Seine berühmte Jeschiwa (Hochschule) hatte eine weit über die Stadt hinausreichende Bedeutung. Den Schreibers, den Steiners und anderen jüdischen Familien hat die Stadt viel zu verdanken, erfreulicherweise wird das in den vor einigen Jahren angebrachten Gedenktafeln ein wenig sichtbar gemacht.

Viele Pressburger Juden waren treue Anhänger der Monarchie, bewegte Bilder dafür liefert eines der letzten filmischen Dokumente Österreich-Ungarns. Es berichtet vom Besuch Kaiser-König Karls und seiner Frau Zita in Pressburg im Oktober 1918, bei dem auch eine Huldigung der Pressburger Juden auf dem Programm stand. Die Monarchie genoss über ihr Ende hinaus die Sympathie vieler, sehr vieler Juden in Pressburg. Angeblich verglichen sie ihren Untergang mit dem 9. Av, dem Tag, an dem die Juden alljährlich die Zerstörung des Jerusalemer Tempels beklagen.

Die Neologe Synagoge befand sich am Fischplatz (Rybné námestie), unweit des Martinsdoms.

Als böses Omen für das Grauen, das wenige Jahrzehnte später über die Juden hereinbrach, mögen im Nachhinein manche jüdischen Pressburger den großen Brand von 1913 empfunden haben. Es war der schwarze Sabbat von Pressburg. Binnen vier Stunden legte das Feuer das Schlossgrundviertel in Schutt und Asche. Die Ungarländische Jüdische Zeitung konstatierte trocken: „Um sechs Uhr hatte das Pressburger Ghetto aufgehört zu sein“. Der Brand ließ fast 4.000 Obdachlose zurück. Der Feuerwehrmann Franz Huber starb an einer Rauchgasvergiftung und an die 70 Häuser waren zerstört, darunter auch die berühmte Talmudschule. Jozef Tancer, der Pressburger Historiker und Germanist, berichtet über die mediale Berichterstattung zu dieser Pressburger Katastrophe: „Der Funkenflug aus der Petőfigasse entzündete nicht nur die Dächer, sondern im übertragenen Sinne auch das Papier. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht vom Brand in Pressburg in der periodischen Presse der Doppelmonarchie, von Schlesien bis zum Adriatischen Meer, von Westböhmen bis nach Galizien. Berichte über den Brand brachten Blätter in Deutschland, England, sogar in den Vereinigten Staaten und in Mozambique. Die Katastrophe blieb mehrere Wochen lang ein zentrales Thema in den Pressburger Periodika.“

Die Judengasse lädt so nah an der Starometská, welche die Ihnen schon bekannte Schneise durch die Altstadt schlägt, nicht zum längeren Verweilen ein, auch die Stadtmauer, rekonstruiert in den 1970er Jahren, interessiert mich nicht. Ich laufe zurück, um wieder Deckung zu finden, in irgendeinem Altstadtgassl. Dabei muss ich aufpassen, nicht mit ein paar jungen Leuten zusammenzulaufen, die im Gehen lesen. Sie haben richtig gelesen, nicht am Handy tippen, sondern ein Buch lesen. Ich gehöre eher zu den Handytippern. Das überrascht Sie jetzt, oder?

Josef Wallner

Bilder und Fotos: Josef Wallner, Norbert Eisner, Réka Szabó, Archiv von Pressburger Kipferln

Redaktion: Peter Janoviček

Der Artikel wurde ursprünglich in dem Buch „Unterwegs in Altösterreich – Kakanische Reisen von Siebenbürgen bis Triest“ (Verlag Berger, 2020), von Josef Wallner veröffentlicht.

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