Bratislava ohne Zwiebel und Kohl

Geschichte
2. April 2019

Unsere Qualitätsprodukte exportieren wir ins Ausland und das was bleibt,  mangelt an Qualität und kann den Bedarf des lokalen Marktes nicht decken. Ähnliche Beschwerden haben wir in der nahen Vergangenheit oft gehört – vor allem bezüglich der Supermarktangebote. Auch dies ist der Fluch der Globalisierung und der Europäischen Union, denken viele, obwohl die Lage in Bratislava vor sechsundneunzig Jahren praktisch die gleiche war. Mindestens, was Kohl und Zwiebeln betrifft.

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Kohl und Zwiebeln waren in Bratislava im Jahre 1919 absolute Mangelware. Auch die heutige Alte Markthalle, die im Jahre 1910 fertiggebaut wurde, wurde erbaut, um zur Lösung der Lebensmittelkrise in der Stadt beizutragen. Die Bauern waren nämlich mit ihrer Ware eher unregelmäßig auf den Märkten zu finden.  Und dieser Zustand wirkte sich nicht nur auf die Saisonware, sondern praktisch auf alle Produkte aus, weil bei schlechtem Wetter oder wenn die Straßen im schlechten Zustand waren, kamen wesentlich weniger Verkäufer auf den Markt und die Kunden konnten nie sicher sein, ob sie auch bekommen, was sie auf dem Markt gerade kaufen wollten.

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„In letzter Zeit, aber vor allem vorige Woche, herrschte auf dem Markt absoluter Mangel an Gemüse, Zwiebel, Kohl, usw.; der oben genannte Ausschuss erhöhte auf meinen Vorschlag die Preise der Produkte in der Hoffnung, dass er die Bauern und die Verkäufer dazu bewegen wird, ihre Produkte auf den Markt zu bringen und damit der Lösung der entstandenen Lage beizutragen“,  schrieb der Direktor der Alten Markthalle Karol Dworak in dem Brief vom 2. Dezember 1919, den er an den Stadtrat andressierte. Wie er wenige Zeilen weiter feststellt,  war die Preiserhöhung auch kein Ausweg aus der ungünstigen Lage. Der Grund lag seiner Meinung nach im egoistischen Verhalten der Landwirte.  „… sie wollen in großen Mengen und teuer exportieren  – wenn es mit dem Ausland nicht mehr klappt, schicken sie ihre Produkte in die abgelegenen Regionen unseres Landes“, begründet er weiter. Dworák erinnert daran, dass im Pressburger Gau viele tausend Wagons Kohl geerntet worden sind, aber fast die gesamte Menge nach Wien und Budapest exportiert wurde. „Zwiebel gibt es auf dem Markt seit zwei Monaten nicht mehr, auch das Wenige, was es gab, haben sie ausgeführt“, meint der Direktor. „Und die örtlichen Bauern, die Zwiebel in Besitz haben, behalten die Ernte zurück, um im Frühjahr, wenn ein Kilo dann zehn Kronen kostet, alles zu exportieren, und unsere Einwohner werden nichts abbekommen“, argumentiert er. Dworák könnte zwar Recht gehabt haben, was die Einstellung der Bauern betrifft. Aber es bleibt eine Tatsache, dass in der damaligen Tschechoslowakei, die seit einem knappen Jahr bestand, und besonders in der Slowakei, die Lage der Wirtschaft und der Industrie fast dem toten Punkt entsprach und die schlechte Versorgung mit Lebensmitteln war im Weiten nicht nur für Bratislava typisch.

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Auch Karotten, Petersilie und rote Bete waren Mangelware. Was geerntet wurde, wurde von den Engerauer Kleingärtnern eingelagert und mittels Vermittler in mehr entfernte Städte ausgeführt. Dworák hat sich an das Versorgungsinstitut der Slowakei – das höchste staatliche Organ, das dem Ministerium untergeordnet war, die Slowakei verwaltete und in den slowakischen Regionen der Tschechoslowakei für den Bereich der Wirtschaft verantwortlich war – gewandt. Seinen Protest (wie er sein Schreiben bezeichnete) hat er auf Empfehlung des Instituts auch dem Stadtrat zugesandt (aus diesem Schreiben wird zitiert). „… respektvoll empfehle ich der Stadt unverzüglich den Ankauf von einigen Wagons Zwiebel anzuordnen, oder eine spätere Lieferung aus Mehren, der Heimat der Zwiebel,  zu besorgen; dies ist und wird dringend nötig sein.“

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Einen Tag vor der Datierung des Briefes, d.h. am 1. Dezember 1919, wurde in Brünn ein Telegramm aufgegeben, mit dem die Markthallendirektion bezüglich einer Zwiebellieferung  benachrichtigt wird. „Zufolge Ihrer telegrafischen Anfrage offerieren wir Ihnen heute telegrafisch gesunde Bauernzwiebel  bei Wagonabnahme inklusive Säcke franko Bahn Brünn mit K 430.- per 100 kg“, steht im siebenzeiligen Telegramm.

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Die Lebensmittelversorgung hat sich im ganzen Land erst schrittweise konsolidiert. Auch die Bodenreform, die den Staat ermächtigte, den konfiszierten Boden der Großgrundbesitzer erneut umzuverteilen, erschwerte diese Lage.

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