Wer bin ich? Ich bin ein Pressburger, sagte Viliam Levius

Geschichte
28. November 2022

Die Konditorei Levius an der Ecke der Michaelergasse (heute Michalská) und der ehemaligen Schneeweissgasse (Biela) existiert lange nicht mehr. Sie verschwand in den 1950er Jahren, kurz nachdem sie verstaatlicht worden war. Die Räumlichkeiten, in denen es einst – genauer gesagt seit 1892 – nach Schokolade, Vanille und frischem, süßem Gebäck duftete, gibt es aber immer noch. Die Tochter von Juraj Levius, dem letzten Besitzer der Konditorei, Frau Marta Sovincová, hatte sie in den letzten Jahren einige Male aufgesucht.

Eine Ansicht der Konditorei Levius von 1938. Foto: Familienarchiv von Marta Sovincová

 

Die Konditorei wurde von Ihrem Großvater Viliam Levius gegründet. Erinnern Sie sich noch an ihn und an sein Süßwarengeschäft?

Mein Großvater starb 1932, ich erinnere mich also nicht an ihn, im Grunde genommen erinnere ich mich nicht einmal an die Konditorei, denn ich wurde 1944 geboren. Zu dieser Zeit besaß mein Vater, Juraj Levius den Laden, aber nicht mehr lange. Nach 1948 wurde das Unternehmen enteignet und etwa 1950 von den „Städtischen Diensten“ übernommen. In den Räumlichkeiten wurde eine Schuhreparaturwerkstatt eingerichtet. Damals war ich noch ein kleines Kind, ich weiß es nicht mehr genau.

Seit wann ist die Familie im Süßwarengeschäft tätig?

Die Familie Levius kam vor über 200 Jahren aus der Mittelslowakei nach Pressburg. Sie stammten aus einer Familie von evangelischen Pfarrern und Lehrern, deren ursprünglicher Familienname Leway war. Zu dieser Zeit wurde ihr Name in die latinisierte Form Levius umgeändert. Johann Levius war Kerzenmacher, was die Urkunde von 1867 auch nachweist. Damals gab es noch eine Zunft von Zuckerbäckern, Metmachern und Kerzenziehern, all diese Berufe waren nämlich miteinander verwandt. So wurden beispielsweise häufig Honigkerzen hergestellt. Mein Vater wurde 1903 als einer von drei Brüdern geboren. Die Geschichte, wie er zu dem Handwerk seines Vaters kam, ist sehr interessant, denn er hatte überhaupt nicht vor, Konditor zu werden. Der Überlieferung nach hätte der älteste Sohn Viliam das Geschäft übernehmen sollen, aber er starb 1918 an Typhus, als er aus dem Ersten Weltkrieg zurückkehren wollte. Der andere Bruder Árpád war zu dieser Zeit bereits Bankbeamter. Die Familie setzte sich zusammen und beschloss, dass Juraj die Konditorei übernehmen würde. So war das damals, er machte mit, auch wenn er insgeheim vorhatte, Maschinenbauingenieur zu werden. Er besuchte ein Realgymnasium in der Zochova Straße, wo später der Rundfunk seinen Sitz hatte. Er hatte auch andere geheime Pläne, er wollte Musik machen. Er musizierte sehr gern mit seinen Freunden, damals war es üblich, kleine Konzerte in den Häusern zu veranstalten, man nannte es Hausmusik.

Wie ging es dann mit ihm weiter?

In den Jahren 1919-1921 ging er bei seinem Vater in die Lehre, später wurde er als Lehrling beim Konditor Lukács in Budapest beschäftigt. In einem Interview für die Kinderzeitschrift Priateľ sagte er 1983 über diese Zeit, er habe es damals nicht leicht gehabt. Er habe alles getan, was nötig war, angefangen beim Geschirrspülen. Er war sehr präzis, bei der Zubereitung der Backzutaten sagte er immer wieder, dass man sogar die Eier abwiegen sollte, denn das eine ist kleiner, das andere ist größer. Man konnte erkennen, dass er tatsächlich ein ausgebildeter Konditor war.

 

Die Aufnahme von 1937 zeigt, wie die Küche der Konditorei aussah, in der die Desserts zubereitet wurden. Foto: Familienarchiv von Marta Sovincová

 

Wie sah die Konditorei aus, als sie von Ihrem Vater übernommen wurde?

Davon zeugen die Fotos aus dem Jahr 1932, die das Interieur der Konditorei und die Werkstatt zeigen. Sie befand sich hinten und hatte einen Eingang von der damaligen Schneeweissgasse. Diese Straße wurde später in Wolkrova umbenannt, heutzutage heißt sie Biela ulica. Momentan befindet sich hier ein Café. Von dort aus konnte man in die Wohnung im ersten Stock gelangen, deren Fenster auf die Schneeweissgasse hinausgingen. Dort wurde mein Vater geboren und dort wohnte meine Großmutter bis 1958. Ich habe sie in dieser Wohnung immer wieder besucht.

Auf diesem Foto aus dem Jahr 1943 steht Ihr Vater vor dem Süßwarengeschäft in Gesellschaft anderer Personen. Können Sie sie identifizieren?

Mein Vater steht im Hintergrund, die Frau vor ihm ist meine Mutter. Neben ihr stehen Serviererinnen, ich erinnere mich an die links stehende Frau, sie hieß Lujza. Damals wurden Kellnerinnen „Fräulein“ genannt. Der Mann mit der Mütze war der Konditormeister Jozef Javorčík aus dem Stadtteil Prievoz (Oberufer), die beiden anderen jungen Männer waren Lehrlinge. Die Konditorei Levius hatte einen Namen auf Slowakisch, Ungarisch und Deutsch und in ihren Schaufenstern ist u.a. „zmrzlina“, „Gefrorenes“ sowie „fagylalt“ zu lesen. Als unser Großvater Viliam bei der Volkszählung von 1930 nach seiner Nationalität gefragt wurde, gab er keine an. Er sagte: „Ich bin ein Pressburger.“

Hatte auch Ihre Mutter in der Konditorei gearbeitet?

Mein Vater heiratete 1943, im Familienarchiv bewahren wir ein Foto von ihrer Hochzeitsfeier auf. Meine Mutter half ihm manchmal in der Konditorei, sie stand an der Kasse, aber später kümmerte sie sich hauptsächlich um uns, meinen Bruder Juraj und mich.

 

Juraj Levius (in der Mitte im Hintergrund) mit seiner Frau (in der Mitte vorne) und den Mitarbeitern der Konditorei vor deren Eingang. Eine Aufnahme aus dem Jahr 1943. Foto: Familienarchiv von Marta Sovincová

 

Die Konditorei war lange in Betrieb, was darauf hindeutet, dass sie sehr beliebt war. Gibt es keine Erinnerungen an einige treue Kunden?

Die Großmutter einer meiner Bekannten, Frau Mária Romfová, geborene Pavlíková, holte sich immer Kuchenreste, die eine Krone kosteten. Interessanterweise wohnte ihre Familie ganz in der Nähe, und zwar im Michaeler Turm. Auf jeder Etage gab es ein Zimmer für eine Familie. Frau Romfová wohnte in diesem Turm 30 Jahre lang und brachte dort 7 von ihren insgesamt 12 Kindern zur Welt.

Wie hatte Ihr Vater die schwierigen Jahre nach der Verstaatlichung überstanden, als ihm seine Konditorei weggenommen wurde?

Nach 1945 durfte die Konditorei nur noch mit Genehmigung der Gastgewerbebetriebe betrieben werden. Als man meinem Vater das Süßwarengeschäft nach der Verstaatlichung weggenommen hatte, war er 48 Jahre alt. Das Geschäft wurde von den „Städtischen Diensten“  übernommen, und mein Vater arbeitete dort bis 1950. Dann eröffnete man in den Räumlichkeiten eine Schuhreparaturwerkstatt, später einen Schmuckwarenhandel und ein Souvenirgeschäft. Mein Vater sagte damals bitter, er sei als Ausbeuter eingestuft worden. „Was für ein Ausbeuter war ich?“- fragte er, wobei er sich daran erinnerte, dass er der Allererste war, der morgens um 4:00 Uhr aufstand, zum Markt an der Pestsäule am Fischermarktplatz ging und frisches Obst für seine Desserts kaufte. Er war der Erste, der in der Früh in der Werkstatt der Patisserie stand und der Erste, der arbeitete.

In Ihrem Familienarchiv gibt es ein sehr interessantes Foto, auf dem Ihr Vater zu sehen ist, wie er sich über eine Platte mit seltsamen Schokoladenfiguren beugt.

Diese Figuren sind Fallschirmspringer aus Schokolade. Mein Vater hatte diese Süßigkeit 1958 erfunden, als die Weltmeisterschaften im Fallschirmspringen in Vajnory (in einem Stadtteil von Bratislava) stattfanden. Sie wurden überall in den Konditoreien verkauft. Damals arbeitete mein Vater bereits in der Kuchen- und Süßwarenfabrik namens Taranda (in den Räumlichkeiten neben dem Hof der Slowakischen Nationalgalerie, die früher als Tanzsaal bekannt waren, Anm. d.Red.). Ein Jahr zuvor wurden die Eiskunstlauf-Europameisterschaften in Bratislava veranstaltet, auch damals initiierte er die Erzeugung neuer Desserts mit dem Symbol der Meisterschaften. Anschließend war er am Forschungsinstitut für Kommunalwirtschaft beschäftigt, wo er Rezepte entwickelte. Doch in den 1960er Jahren wurde das Institut geschlossen, mein Vater war jemandem ein Dorn im Auge, so ging er nach Komorn (Komárno) zum Arbeiten. Er reiste täglich von Bratislava dorthin und gründete dort eine Teegebäckfabrik. Erst nach einiger Zeit verhalf ihm ein Freund zu einer Stelle in Bratislava im Hotel Carlton, wo er als Chefkonditor tätig war.

 

Dieses Foto aus dem Jahr 1937 zeigt das Interieur der Konditorei Levius. Foto: Familienarchiv von Marta Sovincová

 

Das Familienarchiv verleumdet Ihren Beruf nicht. Sie haben im Informationsdienst von Bratislava gearbeitet, und Sie haben auch höchst sorgfältig Zeitungsausschnitte geordnet, in denen über die Konditorei Ihres Vaters geschrieben wurde. In einem der Artikel, die in der heute nicht mehr erscheinenden Tageszeitung Práca veröffentlicht wurden, erwähnt Ihr Bruder Juraj die Spezialitäten seines Vaters. An die Zeit, als Ihr Vater im Hotel Carlton arbeitete, erinnerte sich die Publizistin Alma Münzová in den 1990er Jahren in einem Artikel der Zeitung Staromestské noviny.

Bekannt und besonders beliebt waren vor allem seine Mignons, seine Weihnachts- und Osterspezialitäten aus Marzipan und die Torten, die man für Familienfeiern bestellte. Selbstverständlich hatte er auch die berühmten Pressburger Kipferln gebacken. Zu Hause habe ich noch zwei Glasflaschen aus den ca. 1940er Jahren, in denen eingemachtes Obst aufbewahrt wird. Mein Vater achtete immer auf die Qualität der Früchte, die er für seine Spezialitäten verwendete. Als Pensionist baute er in seinem Garten im Stadtteil Prievoz sein eigenes Obst an. Insbesondere Pfirsiche haben sich gut entwickelt.

Wir haben in den alten handgeschriebenen Rezepten herumgeblättert. Sie wurden von Ihrem Großvater, Ihrem Vater Juraj, aber auch von seiner Mutter in präziser Handschrift geschrieben, sie hatten sogar nummerierte Seiten und eine Liste mit Rezepten am Ende. Halten Sie sich an die Tradition und bereiten Sie die Leckereien Ihres Vaters entsprechend zu?

Bei jedem Familientreffen rufen wir nicht nur meinen Vater, sondern auch seine Spezialitäten in Erinnerung. Ich backe jedoch etwas anders, denn ich versuche, weniger Butter und Zucker zu verwenden.

 

Juraj Levius beugt sich über eine Platte mit Fallschirmspringern aus Schokolade, einem speziellen Dessert zu den Weltmeisterschaften im Fallschirmspringen, die 1958 in Bratislava stattgefunden haben. Foto: Familienarchiv von Marta Sovincová

 

Die Tradition der Konditoren in Ihrer Familie wurde von Ihrem Vater beendet, der 1984 starb. Wurden seine Fertigkeiten und Familienbräuche an die nächste Generation weitergegeben?

Mein verstorbener Bruder Juraj wusste, wie man Kerzen erzeugt, was auch einer der ursprünglichen Berufe der Familie Levius war. Mein jüngerer Sohn, obwohl er einen ganz anderen Beruf ausübt, liebt es, Torten zu dekorieren. Meine Kinder haben mich auch gebeten, mit meinen Enkelkindern Ungarisch zu sprechen. Es hat mir sehr geholfen, dass wir zu Hause sowohl Deutsch als auch Ungarisch gesprochen hatten, wie es früher im alten Pressburg üblich war.

Ingrid Oríšková

Übersetzung: Melinda Rácz

 

Mehr über die Familie Levius erfahren Sie in slowakisch-ungarisch-deutschem Buch „Wir sind alte Pressburger“, das von der Bürgervereinigung Pressburger Kipferl herausgegeben wurde, und Sie können es hier kaufen.

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